Publikation: Empörung gegen die Technik

Für gewöhnlich bedeutet Philosophie für mich, zwecks Wahrheitssuche das eigene Ego auch mal beiseite zu lassen. Ich bin in dieser Hinsicht gegen jeden Relativismus, welcher etwa alle Wahrheit für subjektiv erklärt, um sich mit den eigenen Vorannahmen nicht befassen zu müssen, gegen „schlechten Relativismus“ also. Als ich auf die anlässlich der achten Berner Bücherwochen geplante Anthologie zum Thema Mensch sein, Herz haben, sich empören stieß, nahm ich das jedoch als Einladung, den Gefühlen zur Abwechslung freien Lauf zu lassen.

Das Resultat Empörung gegen die Technik fällt entsprechend überzogen, pauschalisierend, verallgemeinernd, undifferenziert und, äh, eindimensional aus. Darin liegt ein gewisses Augenzwinkern; mein Anliegen bleibt jedoch ein ernstes, insofern ich hoffe, mit dieser meiner Provokation Dinge an- und auszusprechen, die sonst in der Unbewusstheit des Selbstverständlichen verborgen bleiben. Die erste von neun Seiten geht so:

Technikkritik ist heute verpönt. Die moderne Technik ist allgegenwärtig und unausweichlich. Bei näherer Betrachtung erweist sie sich aber als ein so zweischneidiges und vieldeutiges Phänomen, dass sie neben einem Chor des Jubels zumindest auch einen der Empörung verdient hat.
Technik ist eigentlich ein Mittel zum Zweck. Ihr Zweck ist selbst nichts Technisches. Kennzeichnend für die moderne Technik ist, dass sie als Selbstzweck und Sachzwang gehandhabt wird. Dadurch führt sie in die Irre: Eigentlich ertrinken die Industrienationen längst in ihrer Datenflut – wenn „wir“ noch mehr Digitalisierung brauchen, dann nur, um im Vergleich mit „anderen“ nicht ins Hintertreffen zu geraten, um im ökonomischen Wettstreit also die Oberhand zu behalten. Das ist reines Konkurrenzdenken. Die Konkurrenten werden ebenso denken, und fortschreitende Digitalisierung wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung.
Das Thema Technik sprengt die Grenzen der meisten politischen Lager. Die Reflexion über sie eröffnet Potenziale für einen Dialog jenseits ausgetretener Pfase. Stimmen wir also ein Pamphlet gegen die Technik an – versuchen wir uns in einer Karaoke der Empörung. Mögen wir auch schief singen, so fallen wir doch wenigstens auf.

Bengt Früchtenicht: „Empörung gegen die Technik“. In: Reinhard Rakow (Hg.). Mensch sein, Herz haben, sich empören! Geest, Vechta, 2021, S. 159

Mein Beitrag ist einer von nicht weniger als hundert in der fast sechshundert Seiten starken Anthologie, er ist ein Sachtext unter vielen, aber auch unter Kurzgeschichten und Gedichten. Die Worte „Mensch sein, Herz haben, sich empören“ mögen in Zeiten der (a)sozialen Medien irritieren: Empörung ist heute eher negativ konnotiert. Zu verstehen sind sie jedoch in memoriam Erich Mühsam, dessen Nase auch das Buchcover ziert.

Von Mühsam war mir bislang vor allem das Gedicht Der Revoluzzer bekannt. Thematisch dreht sich das Buch um Mühsam selbst – in (teils kritischer) Würdigung seines literarischen und Lebenswerkes –, aber eben auch um Antisemitismus sowie um Humanität und die soziale Frage im allgemeinen oder im Angesicht des Zeitgeschehens, wie ja auch mein Text nichts spezifisch „Mühsames“, Linkes oder Anarchistisches an sich hat. Wer mich kennt, weiß ohnehin, dass ich keiner politischen Ideologie hinterherlaufe; ich würde behaupten, dass sich das auch über den Großteil der übrigen, oftmals poetischen Beiträge sagen ließe. Also: nur keine Berührungsängste!

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