Vitamin D und Sonne

Wussten Sie schon? Wenn die Sonne auf unsere Haut trifft, erzeugen wir Vitamin D, und das macht glücklich! Wissenschaftliche Studien haben das gezeigt.¹ Menschen mit Winterdepressionen bekommen sogar Vitamin-D-Tabletten verschrieben.

Endlich haben wir eine Erklärung dafür, warum wir uns glücklich fühlen, wenn wir in das wärmende Antlitz der Sonne blicken. Endlich haben wir einen Grund, spazieren zu gehen, frische Luft zu schnappen; wir müssen es nicht mehr zum Selbstzweck tun. Das wäre schließlich Müßiggang, und der hat immer etwas Suspektes, Fragwürdiges, ja, Unmoralisches an sich. Ein Müßiggänger scheitert im Leben; er kann kein erfolgreicher Mensch werden. Denn auf Instagram steht geschrieben: Listen to your heart. Follow your dreams. Weiterlesen

Philosophie des Erkennens (kurz notiert)

Mit Erkenntnistheorie habe ich mich noch nicht viel befasst, aber mir scheint, dass sie sich entweder mit den allgemeinen Gesetzen für deduktive Erkenntnis oder den Prüfungskriterien für induktive Erkenntnis befasst.

Was ist aber mit dem Vorgang des Erkennens selbst, also der Frage, wie ein Forscher ganz konkret und persönlich zu seiner Erkenntnis gelangte? In den wahrhaft großen Fällen scheint es sich hier manchmal um schicksalhafte Ereignisse zu handeln, um spontane Einsichten, die scheinbar wenig mit Erkenntnistheorie und viel mit unbewussten Prozessen zu tun haben. Newton fiel der Legende nach der Apfel auf den Kopf. August Kekulé soll der Einfall mit der Ringstruktur des Benzols gekommen sein, nachdem er vom Ouroboros geträumt hatte, der sich in den Schwanz beißenden Schlange. Auch im Kleinen zeigen sich Lösungen manchmal von selbst, wenn man aufhört, nach ihnen zu suchen. Gibt es Versuche, sich diesen Prozessen philosophisch anzunähern? Gibt es zusätzlich zur bekannten Erkenntnistheorie auch eine umfassendere „Philosophie des Erkennens“?

Gedanken zum Begriff der Kausalität in Physik und Bewusstseinsforschung

Mit der Quantenphysik hielt der „Indeterminismus“ Einzug ins physikalisch-philosophische Alltagsvokabular. Indeterminismus bedeutet, auch bei vollständiger Kenntnis der Anfangsbedingungen nicht vorhersagen zu können, wie sich das betrachtete System verhalten wird. Man unterscheidet zwischen „epistemischem“ und „ontischem“ Indeterminismus. In diesem Text möchte ich darlegen, dass der ontische Determinismus gleichbedeutend mit einem akausalen Verhalten des Systems ist und auf dieser Grundlage dann die Kausalität überhaupt hinterfragen. Wer sich in der Materie bereits auskennt, kann die ersten beiden Abschnitte getrost überspringen. Weiterlesen

Verbreitete Fehlannahmen zur Entropie und zum zweiten Hauptsatz der Thermodynamik

In Daniel Kehlmanns Erzählung „Mahlers Zeit“ versucht ein junger Physiker, der Fachwelt seine revolutionäre Theorie zum Wesen der Zeit zu vermitteln. Die Geschichte nimmt wahnhafte, psychotische Ausmaße an und endet tragisch. Momente der Klarheit gibt es dennoch, und in manchen von ihnen lässt Kehlmann seinen Protagonisten jene ominöse Größe namens „Entropie“ sowie den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik erklären. Mir fielen hierbei einige Fehler auf, was ärgerlich ist, denn es lässt vermuten, Kehlmann habe bei seiner Recherche für das Buch lediglich populärwissenschaftliche Literatur zu Rate gezogen, während er bei einem so schwierigen Thema vielleicht einen Fachmann hätte konsultieren sollen. Umso ärgerlicher ist es, weil mir die Erzählung sonst sehr gut gefiel.

Die Irrtümer bestehen in folgenden Aussagen:

  1. Entropie sei ein Maß für die „Unordnung“ eines Systems.
  2. Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, welcher im wesentlichen besagt, dass die Entropie eines Systems mit vergehender Zeit nur zunehmen könne, sei das einzige bekannte physikalische Gesetz, welches irreversibel ist.
  3. Aus dem zweiten Hauptsatz lasse sich schlussfolgern, dass das Universum am Ende seiner Entwicklung dem Wärmetod anheim fallen werde.

Doch warum darüber schreiben? Weil diese Aussagen symptomatisch sind. Sie sind symptomatisch für in diesem Bereich vorherrschendes Halbwissen, für leichtfertigen Umgang mit komplizierten abstrakten Theorien und für gedankenlose Pauschalisierung. Schließlich tauchen diese Aussagen bei Kehlmann nicht zum ersten Mal auf. Es folgen meine Antworten auf obige Aussagen. Weiterlesen

Bewusstsein und Gewusstwerden

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. (1. Kor 13, 12)

Das Unbewusste als komplementäres Gegenstück zum Bewusstsein hat schon lange einen festen Platz in unserer Kultur gefunden. Der Begriff „Unterbewusstsein“ kursiert synonym hierfür ebenso, widerspricht sich jedoch selbst, denn wenn sich das Unterbewusstsein gerade dadurch auszeichnen soll, dass mir seine Inhalte nicht bewusst sind, dann sollte es wohl nicht als ein zweites Bewusstsein unterhalb des eigentlichen Bewusstseins gedacht werden, sondern eben als Nicht-Bewusstsein, als Unbewusstsein oder eben Unbewusstes.

Unbewusst kann uns der Ort sein, an welchem wir den Schlüssel abgelegt haben (wenn wir aufgehört haben, darüber nachzudenken, fällt er uns auf magische Weise dann plötzlich ein), das Leid der Tiere, welches ich beim Einkauf verdränge, um mich nicht mit meinem Gewissen herumplagen zu müssen sowie die Einsicht, dass mein schlechter Geschmack bei Frauen auf ein gestörtes Verhältnis zu meiner Mutter zurückzuführen sei. Weiterlesen

Sein und Existenz

Was ist der Unterschied zwischen „Sein“ und „Existenz“? Für mich hatte der Begriff „Sein“ immer eine umfassendere, gleichzeitig schwammigere Bedeutung als der letztere.

Einen Erklärungsansatz bietet, wie so oft, die etymologische Recherche: Das Lateinische existere („entstehen, hervortreten“) setzt sich zusammen aus ex („aus, heraus“) und sistere („anhalten, stellen“).¹ Das Existierende ist folglich das Entstehende, Hervortretende, Herausstellende. Die Existenz ist entsprechend das Entstehen (oder Entstanden-Sein), Hervortreten (oder Hervorgetreten-Sein), Herausstellen (oder Herausgestellt-Sein). Weiterlesen

Zdzisław Beksiński: Die Zeit und das Nichts

https://art.vniz.net/en/beksinski/Beksinski-x128.html

Gem. 1 (1979, 87 x 73 cm)

Zu den düsteren Werken Zdzisław Beksińskis gelangte ich einst – wenig überraschend -, als ich mich auch musikalisch den dunklen Künsten hingegeben hatte. Dieser wichtige Lebensabschnitt ist weitgehend vorbei, aber manchmal schaue ich doch zurück, und kürzlich nahm ich wieder das Bilderbuch „The Fantastic Art of Beksinski“ aus dem Morpheus-Verlag zur Hand. Weiterlesen