Slavoj Žižek über die „Ode an die Freude“

Lange ist es noch nicht her, dass ich zum ersten Mal Beethovens Ode an die Freude hörte. Ich meine den ganzen 23-minütigen Schlusssatz der neunten Sinfonie; das „Freu-de schö-ner Göt-ter-fun-ken…“, den mittigen Höhepunkt kennt schließlich so ziemlich jeder, wenngleich er ohne vorherigen Spannungsaufbau kaum seine ganze Wirkung, ja, Gewalt entfaltet. Slavoj Žižek hat mir eine neue Perspektive auf das Werk gegeben. Jeder mit hinreichend viel Muße unternommene Hördurchgang rührte mich bisher auf die eine oder andere Weise zu Tränen. Nun ist mir aber endgültig klar geworden, dass Tränen – selbst die eigenen – durchaus lügen können.

Hier ist das gute Stück.

Das ursprünglich von Schiller verfasste, von Beethoven nur vertonte Gedicht besingt den Frieden auf Erden, die Würde des Menschen, den sozialen Zusammenhalt, das humanistische Utopia. Es tut dies, so meine ich, mit der Freiheit der Dichtung, das heißt es will nicht auf ein bestimmtes politisches Geschehen Bezug nehmen, erst recht nicht zu irgendeiner Revolution oder ähnlichem anzetteln. Nichtsdestotrotz verkörpert diese Utopie ein verbreitetes Ideal.

Ideale können zu Ideologien verkommen. Der eingängige mittige Höhepunkt (im Video ab 12:10 – mir ermangelt es an kompositorischen Fachausdrücken) ist heute die offizielle Hymne des Europarates und die inoffizielle Hymne der EU. Doch er wurde ebenso im NS-Regime, in der Sowjetunion, in China unter Mao Zedong zelebriert, im damals rechtsextremen Südrhodesien (das heutige Simbabwe) ebenso wie im damals linksextremen Peru. Hierauf weist Žižek jedenfalls in seinem Dokumentarfilm The Pervert’s Guide to Ideology (2012) hin und interpretiert diesen eingänigen Abschnitt der Ode als zunächst leeren Container, als Projektionsfläche für beliebige ideologische Inhalte, nützlich für jedes Kollektiv, welches aus welchem Grund auch immer eine hohe Meinung von sich selbst hat.

Die anderen Abschnitte des Stückes sind weniger bekannt. Žižek macht auf die Rolle aufmerksam, die die Ode in Stanley Kubricks Film A Clockwork Orange (1971) spielt. In einer Szene lauscht der narzisstische Schläger und Antiheld Alex erst noch dem bekannten Abschnitt, zum Besten gegeben von einer Solo-Sängerin in der Bar, während er als Stimme aus dem Off seine tiefe Bewegtheit und Ergriffenheit angesichts der wunderschönen Musik zum Ausdruck bringt. Dann der Szenenwechsel: Alex schreitet durch eine Einkaufsmeile, in einen Plattenladen und reißt dort mit dem kalten Charme des Psychopathen zwei ebenso junge wie unbedarfte Frauen auf. Währenddessen läuft als Hintergrundmusik auch die Ode weiter, wobei Žižek – in Anerkennung von Beethovens Genie – auf den Stimmungswechsel in dem neuen Abschnitt aufmerksam macht (im Video ab 09:20): Was vorher noch feierlich, linear und großartig war, ist nun „karnevalesk“, es klingt wie eine Drehorgel auf irgendeinem Jahrmarkt, hier wird die großartige Ode zu einer Karikatur ihrer selbst. In Beethovens Stück kommt dieser Abschnitt zwar vor dem Höhepunkt, die bekannte Melodie wurde jedoch schon vorher ausgiebig präsentiert, nur nicht mit der späteren Intensität.

In meinem vorletzten Beitrag hatte ich auf die Problematik hingewiesen, dass jedes Wir erst durch eine Abgrenzung zu einem außerhalb des Wir Stehenden zustandekommt. Auch „die Menschheit“ bildet hier keine Ausnahme, sie kann zum Beispiel zur Unterscheidung zwischen „menschlicheren“ und „weniger menschlichen“ Menschen verführen. Ich hatte das vor allem hinsichtlich des pauschalen „Wir gegen Corona“ thematisiert, und siehe da, als die Italiener letztes Jahr von den Fenstern sangen, da war die Ode an die Freude auch stark genug vertreten, um von deutschen Medien berichtet zu werden – unkritisch, versteht sich, man möchte, wie immer bei diesem Stück, am liebsten gleich mit einstimmen. Selbst der ach so inkludierende Text kommt jedoch nicht ohne Exklusion aus:

Wem der große Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu sein,
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur eine Seele
sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund!

Entsprechend mahnt auch Žižek dazu, sich bei Aufrufen zu universeller Verbrüderung Rechenschaft über die Frage abzulegen, ob wirklich alle eingeschlossen sind (wobei sich eben noch fragen ließe, ob überhaupt alle eingeschlossen sein können). Er interpretiert A Clockwork Orange dahingehend, dass Alex sich mit der Stellung des Ausgegrenzten identifiziert.

„…der stehle weinend sich aus diesem Bund.“

Das humanistische Utopia ist eine entsprechend zweischneidige Angelegenheit. Was die Ode an die Freude betrifft, fehlt mir die genauere Kenntnis von Schillers und Beethovens eigenen Meinungen. Es scheint ja zunächst, als sei Schiller sich dieser Zweischneidigkeit nicht bewusst gewesen – der Text thematisiert sie nicht –, als habe Beethoven sie aber zumindest auf musikalische Weise problematisiert, ob nun explizit/bewusst oder nicht.

In Ergänzung zu Žižek möchte ich dabei auch auf den Schluss hinweisen: Dieser fällt schnell, chaotisch und rhythmisch komplex aus. Es ist unmöglich, ihn mitzuträllern, wenn man ihn nicht haargenau kennt und musikalische Erfahrung hat. Auf diese Weise bietet er einen großen Kontrast zu den einfachen Viertelnoten des meistens zitierten Abschnitts. Wenn dieser also die Ideale auf jene plumpe, blendend strahlende Weise präsentiert, wie es auch jede Ideologie tut, wenn Beethoven diese Plumpheit zwischendurch ins Lächerliche und Groteske verkehrt, so lässt sich der Schlussteil vielleicht als Äußerung wahrer Humanität deuten, Humanität als Lebenskraft und Spontanität jenseits ideologischer Verirrungen.

Am Ende bleibt es eben dabei, dass Weltfrieden und Weltzufriedenheit nicht einkehren, indem sie ideologisch propagiert werden, indem gar alle (wirklich alle?) Menschen in einen gemeinsamen Chor einstimmen und ihre Arien zum Besten geben. Gelebte Zwischenmenschlichkeit ist es, auf die es letztlich immer ankommen wird. Wenn wir uns dafür entscheiden müssten, ob wir für abstrakte Gerechtigkeit und Solidarität auf die Straße gehen oder ob wir einen alten Bekannten in einer schwierigen Situation unterstützen, so sollte die Wahl ohne zu zögern auf Letzteres fallen. Deswegen sind nicht alle Ideale und Utopien verkehrt, aber – ich wiederhole – sie neigen dazu, sich zu verselbstständigen und im Zuge dessen ihren lebendigen Kern einzubüßen, ihren Sinn zu verlieren.

Beethovens Ode an die Freude dürfen wir trotzdem genießen. Die hier angeführten Schlussfolgerungen mahnen nur dazu, das ganze Stück wahrzunehmen, mitsamt den vielen, oft subtilen Stimmungsänderungen und Spielereien – auf dass die Haupt-Melodie eben dadurch, dass sie einen Kontext erhält, geerdet bleibt und so erst ihre wirkliche Wucht entfaltet…

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