Jenseits von Reduktionismus und Vitalismus

Der „Reduktionismus“ gehört – als Objekt der Abgrenzung, Kritik und Überwindung – zu meinen Lieblingsthemen in der Metaphysik. Reduktionismus hat viele Facetten: Eine davon ist seine Verbreitung in Form von „Nichts als“-Formeln – Leerformeln –, welche in der englischsprachigen Literatur auch als Nothing-buttery bezeichnet wurden: Menschen seien „nichts als“ Ansammlungen von Elementarteilchen, Elementarteilchen seien ihrerseits „nichts als“ Quantenfluktuationen, Willensfreiheit sei „nichts als“ eine Selbsttäuschung des Gehirns etc.

Reduktionismus muss nicht notwendig materialistisch oder physikalistisch orientiert sein: Statt „die Materie“ oder „physikalische Objekte“ wie Moleküle als (relativ) grundlegende Wirklichkeiten zu setzen, kann er zum Beispiel auch „Wir sind nichts als Gedanken Gottes“ lauten. Nichtsdestotrotz findet er als Materialismus zweifelsohne die größte Verbreitung. In der Philosophie der Biologie wurde er oft dem „Vitalismus“ gegenübergestellt, welcher vor der Entdeckung der DNA noch verbreitet war und davon ausging, dass dem Lebendigen eine Art von „Lebenskraft“ innewohnen muss, über welche sie sich von dem Unbelebten unterscheidet.

Von dem Chemiker und bekennenden Reduktionisten Marc Fontecave liegt mir ein Artikel aus dem Jahr 2010 vor, in welchem er sich gegen zeitgenössische Varianten des Vitalismus und für den Reduktionismus ausspricht. Fontecave nimmt dabei kritisch Bezug auf Tendenzen in der Biologie, sich von dem blinden Reduktionismus angeblich ab- und einem betont „systemischen“ Ansatz zuzuwenden:

Der Reduktionismus ist der wissenschaftlichen Methode inhärent, wenn diese sich komplexen Systemen wie lebenden Organismen zuwendet.

Marc Fontecave (2010): „Das Leben molekular verstehen: Reduktionismus gegen Vitalismus“. In: Angew Chem 122, 4108-4122, 2010

Und:

Der gelegentlich exklusive Bezug der aktuellen biologischen Forschung auf intakte Zellen und Organismen, um das Wesen des Lebens zu ergründen, hat einen Beigeschmack von „Vitalismus“.

Ebd.

Ich stimme Fontecave darin zu, dass der Vitalismus keine gangbare Alternative darstellt. Der Vitalismus geht im Extremfall davon aus, dass ein „Geist in der Maschine“ spukt, dass Lebewesen also irgendwie Gespenster sind, die ihren eigenen Körper bewohnen wir ihr Schloss – oder, in gemäßigter Variante, dass die unbelebte Materie von besagter geheimnisvollen „Lebenskraft“ beseelt und zusammengehalten wird. Darüber hinaus – worauf Fontecave nicht zu sprechen kommt – finde ich auch „emergenztheoretische“ Ansätze, die davon ausgehen, dass hinreichend komplexe Anordnungen von Atomen etc. völlig neue Eigenschaften entwickeln, in höchstem Maße unbefriedigend: Diese scheinen mir nichts Halbes und nichts Ganzes zu bieten, den Reduktionismus gewissermaßen formal, aber nicht wesensmäßig zu überwinden, sich um die aus ihm zu ziehenden Schlussfolgerungen eher herumzudrucksen…

Ein zentrales Problem des Reduktionismus besteht vielmehr darin, abstrakte Modelle, die zur Erklärung von Phänomenen herangezogen werden, für die Sachen selbst zu nehmen. Reduktionismus beinhaltet insofern einen irrigen Anspruch, Phänomene nicht nur zu „erklären“, sondern sie irgendwie „wegzuerklären“. Früher habe ich dies angeprangert und immer wieder darauf verwiesen, dass die Wissenschaft, wenn sie so verfährt, niemals dem Bewusstsein habhaft werden kann (außer über nicht-falsifizierbare Leerformeln wie „Bewusstsein ist nichts als Hirnaktivität“). Dessen werde ich jedoch langsam müde. Mittlerweile bin ich mir auch nicht mehr sicher, ob Fontecave vielleicht sogar Recht hat, wenn er den Reduktionismus für der wissenschaftlichen Methode inhärent erklärt: Die besagte Blindheit gegenüber Bewusstsein und Subjektivität betrifft eben auch sämtliches systemtheoretische und „ganzheitliche“ Denken, insofern es mit den anerkannten wissenschaftlichen Ansprüchen und Paradigmen konform gehen will – für Gefühle und Empfindungen als solche scheint darin etwa wenig Platz zu sein. In diesem Fall würde sich der Reduktionismus nicht sinnvoll kritisieren lassen, ohne die Kritik auch auf den Wissenschaftsbetrieb selbst anzuwenden.

Für den Biochemiker Erwin Chargaff, der wichtige Beiträge zur Entdeckung der DNA leistete, aber später zum deutlichen Wissenschaftskritiker wurde, war es die Hypertrophie der „wissenschaftlichen Erklärung“ selbst, die den Reduktionismus begründet. Gerade in Bezug auf die so grundlegende Frage nach dem Leben unterstellte er dem herkömmlichen Wissenschaftsbetrieb Arroganz und eine bedenkliche Unbedarftheit und wies darauf hin, dass Dichter und Denker, die in fernerer Vergangenheit das Leben als Mysterium ausweisen, dies nicht nur taten, weil ihnen noch keine überzeugende „Erklärung“ des Phänomens gegeben war – sondern weil sie noch nicht von dem zweifelhaften Bestreben geritten waren, das Leben überhaupt „wegzuerklären“:

[D]ie damals über diese Dinge redenden Wissenschaftler, an die ich denke, vermochten es, ihren Materialismus mit einer Form von Deismus zu verknüpfen; sie nahmen das Phänomen Leben als gegeben hin und versuchten nicht krampfhaft, das „unbegreifliche Mysterium des Lebens“ (Hegel) mit dem zu vereinen, was sie aus der Physik und später aus der Chemie wussten.

Übers. n. Erwin Chargaff: „In Dispraise of Reductionism“. In: BioScience 47(11): 795-797, 1997

Als einen etwas jüngeren Zeitgenossen – gleichwohl auch noch vor dem Zeitalter der DNA – führt er Erwin Schrödinger an, der sich in seinem Buch Was ist Leben? mit der titelgebenden Frage auseinandersetzte und dies zwar als Physiker tat, aber nach Chargaff trotzdem als Antireduktionist gelten muss (ich habe das Buch vor einigen Jahren gelesen und erinnere mich, dass das Nachwort durchaus „neureligiös“ ausfällt, von indischer Philosophie geprägt – Atman, Brahman etc.):

Schrödinger war bis auf Weiteres ein Antireduktionist. Ich bezweifle, dass er seine Ansichten geändert hätte, wenn er noch am Leben wäre.

Ebd.

Ich sympathisiere hier mit Chargaff, wenngleich ich das Problem noch tiefer verorten würde. Gerade in ethischer Hinsicht ist für mich kein Grund absehbar, weshalb ein materialistischer Reduktionismus in irgendeiner Weise als erstrebenswert gelten sollte: Für mich führt Reduktionismus immer nur in den Nihilismus, da jede Annahme irgendeiner Sinnhaftigkeit von irgendetwas dann schließlich als naive Selbsttäuschung gelten muss. Reduktionismus hat auch nichts mehr mit den Idealen der Aufklärung zu tun: Aufklärung wird hier pervertiert zu dem, was Sigmund Freud – ebenfalls Reduktionist – die „Kränkungen der Menschheit“ nannte; gehofft wird dann allenfalls, dass die (vermeintliche) Selbsterkenntnis des Menschen als sinnloses Stück Stoff irgendwie zu einer besseren Welt führen würde. Letztlich entzieht ein konsequenter Reduktionismus sogar der Wissenschaft selbst ihre Legitimierung, weil auch Wissenschaftler zu willenlosen, naturgesetzlich bewegten Atomhaufen verkommen – und das von ihnen in Bücher oder auf Festplatten gekritzelte Wissen wird zu plumpen Materieanordnungen, die nicht weniger zufällig und sinnlos ausfallen als das Leben selbst. Gerade indem der Reduktionismus die wissenschaftliche Methode von heute prägt, erweist er sich im Wesentlichen als eine Philosophie der Macht: Er dient weniger dem Verstehen der Natur als ihrer Manipulation. Eine derartige Macht ist aber nicht nur kein sicheres Anzeichen für Wahrheit; in vielen anderen Lebensbereichen würde man davon ausgehen, dass, wer auf so gewiefte Manipulationstechniken schwört, der tieferen Wahrheit an wesentlichen Punkten umso ferner bleibt.

Immanuel Kant behauptete einst, dass es keinen „Newton des Grashalms“ geben werde. Insofern ich denke, dass zumindest das Bewusstsein der wissenschaftlichen Methode in ihrer gegenwärtigen Form unzugänglich bleiben wird, würde ich dem zustimmen. Unabhängig davon stellt sich aber die Frage, warum eine solche „Mechanik des Lebens“ überhaupt erstrebenswert sein sollte…

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