Der heimliche Hobbes: Kommentar zu Rutger Bregman, „Im Grunde gut“

Wer zeigen will, dass der Mensch „im Grunde gut“ ist, der macht sich die Theodizee zur Aufgabe: Er muss erklären können, was die Gräueltaten, die Menschen an Menschen und anderen Lebewesen verüben, bedeuten – und wie sie sich in ein sinnvolles Ganzes einordnen lassen.

Information und Interpretation

Dieses Wagnis geht Rutger Bregman in seinem 2020 erschienenen Buch ein. Zum einen sammelt und präsentiert er hierfür reichlich Informationen: Anekdoten, die wir noch nicht kannten, aber auch Anekdoten, die wir kannten, die uns aber – teils kriminell – falsch erzählt wurden; psychologische Studien, die andere Studien widerlegen, aber auch Metastudien, die über den begrenzten Horizont einzelner Forschergeister hinausgehen. Häufig sind es dabei Voreingenommenheit und falsche Schlussfolgerungen – der confirmation bias, „Bestätigungsfehler“ – die das Resultat derart verfälschen können, dass der eigentliche Lauf der Dinge nicht mehr wiederzuerkennen ist. Hier ist das Buch durchaus stark und eben informativ, wenngleich Bregman selbst einem gewissen Bestätigungsfehler unterliegen dürfte.

Zum anderen bietet Bregman uns nämlich eine Interpretation der Menschheitsgeschichte, deren Narrativ in seiner Ambition und Simplizität geradezu anstößig ist: Vor seiner Sesshaftwerdung lebte der Mensch im Wesentlichen in einer heilen Welt. Erst mit der Sesshaftwerdung kamen all die Übel in dieselbe. Der Mensch von heute neigt dazu, sich von diesen Übeln blenden zu lassen und kommt damit zu falschen Schlussfolgerungen über seine eigene Natur, die dann allzu oft zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Für die Probleme der Gegenwart wäre es hilfreich, wenn wir ein realistischeres Bild vom Menschen als inhärent soziales und freundliches Wesen etablieren, welches nicht etwa in Isolation, sondern in Beziehung zu Anderen, und zwar Freunden und Fremden, lebt und gedeiht. Hiermit dürften aber auch entsprechende systemische Umbrüche einhergehen.

Rousseau und Hobbes

Bregman ist in dieser Hinsicht so konsequent, einen Schritt zu vollziehen, welcher die meisten Philosophen, aber auch Historiker heute vor Scham erröten ließe: Er bekennt sich offen zum Rousseauismus. Diesen Ausdruck habe ich zuletzt als philosophische Beleidigung gehört.

Jean-Jacques Rousseau – nun, er dachte laut Bregman im Wesentlichen, was auch Bregman denkt, was für einen „Rousseauisten“ ja irgendwo tautologisch ist. Jedenfalls wäre mir nicht aufgefallen, dass dieser jenen irgendwo kritisiert hätte. Interessant wird es dort, wo auch andere Ideen und Persönlichkeiten ins Spiel kommen und ein wenig Dynamik entsteht.

Hier ist es vor allem der noch einmal 100 Jahre ältere Thomas Hobbes, von welchem Bregman sich und Rousseau abgrenzt: Für Rousseau sei der Mensch von Natur aus gut, die Zivilisation in ihrer bisherigen Form aber schränke diese Güte ein. Für Hobbes sei der Mensch jedem Menschen von Natur aus „ein Wolf“ (homo homini lupus) – wobei eigentlich auch Wölfe soziale Tiere sind –, die Zivilisation aber bringe Kultur und Anstand in die Welt. Diese zynische Haltung dient laut Bregman aber vor allem der Sicherung etablierter Machtstrukturen durch jene, welche die Macht haben: Manager, die den Menschen als Egoisten beschwören, Politiker, die ihn bevormunden wollen, Kleriker mit ihrem Glauben an die naturgegebene Sündhaftigkeit.

Als Mensch mit etwas Lebenserfahrung könnte man ja zunächst einmal mutmaßen, dass sowohl Hobbes als auch Rousseau in manchen Punkten richtig, in anderen jedoch falsch liegen dürften, dass die Wahrheit in der Mitte liege, dass sie beide Positionen integriere o. ä. Wo sich jemand so einseitig zu einer von zwei Seiten bekennt – wie schon durch die Ausblendung des Bösen in der Formel „Mensch = gut“ –, geschieht es leicht, dass das verdrängte Andere durch die Hintertür wieder hineintritt. Ich meine aber, benennen zu können, wo dies bei Bregman geschieht und ein verborgener „Schatten-Hobbes“ hinterrücks sein ganzes Denkgebäude untergräbt.

Da ich mich nicht als Atheist identifiziere, reagiere ich sensibel und wachsam auf Äußerungen zur Evolutionstheorie, Entstehung und Wesen der Welt etc. Die Evolutionstheorie nimmt in Bregmans Argumentation aber eine entscheidende Rolle ein, welche er zugleich als gegeben voraussetzt und nirgends weiter hinterfragt:

Die unbequeme Wahrheit ist, dass auch wir – jene Kreaturen, die sich selbst für so einzigartig halten – das Produkt eines blinden Prozesses namens Evolution sind. Wir gehören einer lärmenden Familie zumeist haariger Kreaturen an, die auch als Primaten bekannt sind […]

Die Grundzutaten für die Evolution des Lebens sind einfach. Du brauchst:

Viel Leid.
Viel Kampf [struggle].
Viel Zeit.

Kurz gesagt lässt sich der Prozess der Evolution folgendermaßen herunterbrechen: Tiere bekommen mehr Nachwuchs, als sie ernähren können. Die, welche etwas besser an ihre Umgebung angepasst sind (etwa durch dichteres Fell oder bessere Tarnung) haben eine etwas höhere Chance zu überleben und sich fortzupflanzen. Stell dir nun eine fröhliches Partie Lauf-bis-du-stirbst vor, in welcher Milliarden über Milliarden Geschöpfe ins Gras beißen, manche, bevor sie den Staffelstab an ihren Nachwuchs weiterreichen können. Lass diesen Wettlauf lang genug laufen – sagen wir vier Milliarden Jahre – und die winzigen Variationen zwischen Eltern und Kindern werden sich verzweigen zu einem großen und bunten Baum des Lebens.

Übers. n. Humankind. Bloomsbury, London/Oxford/New York/New Delhi/Sydney 2020, S. 52 f.

Das ist für Bregmans Argumentation insofern wichtig, als er die riesigen Zeitskalen blinder Evolution braucht, um überhaupt zwischen menschlicher Zivilisation und Natur unterscheiden zu können: Die Zeitskalen der Menschheitsgeschichte sind gegenüber denen der Evolution dann so kurz, dass wir uns biologisch nicht von Steinzeitmenschen unterscheiden. Die kulturellen Umbrüche der Geschichte machen sich dann eben dadurch bemerkbar, dass sie mit unserer Biologie in Widerstreit geraten können. Ohne diese Sicht auf die Evolution könnte Bregman nicht mehr sagen, dass der Mensch „eigentlich“, „im Grunde“ oder eben „von Natur aus“ gut sei, womit ja bereits verschiedene Ebenen der menschlichen Seele gesetzt sind.

Bregman prangert in seinem Buch dauernd den Zynismus an, welcher unter dem Deckmantel des Realismus auftritt: Den Machtlosen diene Zynismus als Ausrede zum Nichtstun und damit zum Erhalt des Status quo; doch vor allem die Mächtigen rechtfertigen über zynische Weltbilder ihre eigene Machtposition. Doch ist seine eigene Schilderung der Kosmogenese dann nicht selbst unglaublich zynisch, und greift der Zynismus hier nicht, über den Menschen hinaus, sogar auf das Leben selbst aus? Oder ist die Schilderung nicht zynisch, sondern bloß „realistisch“? – Wenn dem so wäre, dann wäre aber wohl auch Bregmans eigene Kritik des Zynismus-als-Realismus hinfällig. Die entscheidende Frage ist doch: Ist die übergeordnete Erzählung, um die es jeweils geht, eine schöne, optimistische, oder ist sie gleichgültig, kalt, pessimistisch? Während Bregman für die Menschheitsgeschichte die erste Variante wählt, wählt er für die Naturgeschichte letztere. Dafür müsste er aber mindestens voraussetzen, dass der Mensch mehr als ein bloßes Naturwesen sei, was seinen streng atheistischen Prämissen aber widerspräche.

Doch was hat das mit Hobbes zu tun? Die Antwort fällt denkbar einfach aus: Hobbes war einer der Vordenker mechanistischer Weltsicht, mit welcher auch die neuzeitlichen Naturwissenschaften entstanden sind: Wie bei einer Maschine habe nichts einen intrinsischen Wert oder Sinn; außerdem sei das Ganze niemals mehr, sondern immer exakt gleich der Summe seiner Teile, wie 1+1 schließlich 2 ist und nicht 3; der Kosmos sei nichts weiter als ein großes Uhrwerk; und wenn der Mensch ein Haufen von Atomen ist, dann ist er eben ein Haufen von Atomen, und Ethik oder Menschenwürde sind soziale Konstrukte, da sie Atomhaufen nicht zukommen; jedwede Bedeutsamkeit ist eine Illusion im Gehirn.

Von der Evolution konnte Hobbes damals ebenso wenig Wissen wie von moderner Neurowissenschaft, aber wenn man das berücksichtigt, wirkt die Schilderung in seinem Leviathan (1651) eigentlich durchaus zeitgemäß (im Sinne von „dem Zeitgeist entspechend“). Der Leviathan bietet uns eigentlich eine Anthropologie und politische Theorie. Ähnlich wie Bregman baut aber auch Hobbes seine Philosophie auf naturwissenschaftlichen Überlegungen auf. So liest es sich auf der ersten Seite seines Textes:

Ursache der Empfindung ist der äußere Körper oder Objekt, der auf das jeder Empfindung entsprechende Organ drückt, entweder unmittelbar wie beim Schmecken oder Fühlen, oder mittelbar wie beim Sehen, Hören und Riechen. Dieser Druck setzt sich durch die Vermittlung der Nerven und anderer Stränge und Membranen des Körpers nach innen bis zu dem Gehirn und Herze fort und verursacht dort einen Widerstand oder Gegendruck oder ein Bestreben des Herzens, sich davon freizumachen. Da dieses Bestreben nach außen gerichtet ist, scheint es auch eine äußere Materie zu sein. Und dieser Schein oder diese Einbildung ist das, was die Menschen Empfindung nennen und besteht für das Auge in einem Licht oder einer vorgestellten Farbe, für das Ohr in einem Ton, für die Nase in einem Geruch, für die Zunge oder den Gaumen in einem Geschmack und für den Rest des Körpers in Hitze, Kälte, Härte, Weichheit und anderen Qualitäten, die wir durch das Gefühl wahrnehmen. Alle diese Qualitäten, die sinnlich genannt werden, stellen in dem Objekt, das sie verursacht, nichts anderes dar als lauter verschiedene Bewegungen der Materie, durch die es auf unsere Organe verschiedenartig drückt.

Leviathan. Suhrkamp, 9. Aufl., Frankfurt a. M. 1999, S. 11

Die Öffnung des Materialismus

Bregman vertritt eine rousseauistische Sozialphilosophie, zugleich aber eine hobbesianische Naturphilosophie. Er betont ständig, dass Menschen soziale Wesen sind und mindestens ein ebenso großes Interesse am Wohlergehen Anderer wie an ihnen selbst haben. Zugleich setzt er aber voraus, dass in der Natur alles blind und gleichgültig anhand statistischer Prozesse abläuft – nicht anders, als sich zum Beispiel der Neoliberale über die Bedeutung des Sozialen in der Wirtschaft äußern würde. „Schmerz, Leid und Kampf sind bloß der Motor der Evolution“ (53), sagt Bregman. „Schmerz, Leid und Kampf sind bloß der Motor von Wachstum und Fortschritt“, würde der Neoliberale sagen.

Bregman selbst trifft an seiner Naturphilosophie letztlich wenig Schuld: Mechanizismus, Materialismus, Physikalismus, Atheismus sind schlicht die metaphysischen Konzeptionen, in welche heute nahezu jeder naturwissenschaftliche Befund von vornherein eingeordnet wird. Im Glauben daran, die Metaphysik überwunden zu haben, hält man es dann nicht für nötig, sich darüber Rechenschaft abzulegen. Diese Denkfaulheit kann sich rächen, wie bei Bregman deutlich wird. Sie rächt sich überall dort, wo man das Soziale, Interessierte und Fühlende in irgendeiner Weise für wichtig erachtet.

Was wäre also die Alternative zu Bregmans Entwurf? Die Güte des Menschen muss Bregman sich dadurch erkaufen, dass die Natur und damit auch der Mensch zugleich zu einem bedeutungslosen Nichts degradiert wird. Dieser Preis ist doch wohl etwas zu hoch. Würde er einen weniger einseitigen Rousseauismus vertreten, so wäre der Mensch vielleicht nicht mehr „ausnahmslos eigentlich gut“, dafür könnte das Leben aber auch wieder einen Sinn haben. Ein begrüßenswerter Nebeneffekt wäre, dass Bregmann seine kolonialistische Sicht auf sämtliche Nomaden als „edle Wilde“ überwinden könnte. Der strikte Materialismus ist längst selbst zu einem geschlossenen Weltbild geworden wie jene, die er einst unterwandern sollte: Öffnen wir ihn!

3 Gedanken zu “Der heimliche Hobbes: Kommentar zu Rutger Bregman, „Im Grunde gut“

  1. Das sind interessante Gedanken. Wir beginnen gerade erst, das Denken und Empfinden von Tieren zu entschlüsseln. Das Bild vom „Survival of the fittest“ ist in vieler Hinsicht eher eine Vermenschlichung der Natur und eine Form von Bio-Ideologie. Frans de Wal schrieb schon 1991 sein Buch: „Wilde Diplomaten. Versöhnung und Entspannungspolitik bei Primaten“. Er räumte mit so manchen Vorurteilen auf. Aber auch die Beobachtung von Gänsen, Delphinen, Schwalben, Elefanten ….hat gezeigt, dass das tierische Sozialverhalten sehr viel komplexer ist als von uns gedacht. Ein bahnbrechendes Buch war in diesem Zusammenhang „Der Baum der Erkenntnis“ von Maturana und Varela (1984 erschienen). Die Autoren sind Biologen und Philosophen und räumen mit unserer einseitigen Sicht auf die Natur auf. Der Begriff der „Selektion“ überwinden sie durch die Erkenntnis des „natürlichen Driften“ und der Autopoiese. Diese Erkenntnisse könnten unsere Weltsicht revolutionieren. Die sozialdarwinistische Sicht auf Natur und Gesellschaft diente jahrhundertelang der Legitimierung von Naturausbeutung, Tierquälerei, Kolonialismus …. letztendlich ist sie eine „natürliche“ Begründung des Kapitalismus. Leider erlebt der Kapitalismus eine Renaissance nach der anderen: Heute im grünen Gewand.

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      • Schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gab es Forschungsansätze, die die prosozialen Komponenten des menschlichen Verhaltens stärker in den Vordergrund rücken. Einer der Ersten, die das versucht haben, war Pjotr (Peter) Kropotkin. Er hat zum einen die aus der darwinschen Lehre abgeleitete Bedeutung des Konkurrenzverhaltens für die Evolution relativiert, indem
        er Beispiele für Evolutionsvorteile durch kooperatives Verhalten im Tierreich zusammengestellt hat. Zum anderen hat er unter Rückgriff auf ethnologische Studien nachgewiesen, dass auch beim Menschen egoistische Verhaltensweisen keineswegs in allen Zeiten und Kulturen vorherrschend gewesen sind.
        https://openlibrary.org/books/OL2087311M/Gegenseitige_Hilfe_in_der_Tier-_und_Menschenwelt

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