Plädoyer für die Krone der Schöpfung

Dass der Mensch die „Krone der Schöpfung“ ist oder sein könnte, diese Haltung wird heute zumeist nur noch müde belächelt. Dabei macht sich kaum jemand die Mühe, ihre Logik auch nur zu Bewusstsein zu bringen.

Zunächst muss festgehalten werden, dass – wie die Karte nicht das Territorium – die Krone nicht der König ist: Dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist, bedeutet nicht, dass er ihr Herrscher sei. Der Mensch herrscht nicht über die Schöpfung; er krönt sie nur. Zur herrschenden Instanz wird vielmehr das, was gekrönt wird: Die Königin ist also die Schöpfung selbst, nicht der Mensch. Dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei, heißt, dass er die Schöpfung – ausgehend von dem, was sie vor und ohne ihn war – zur Königin macht.

Wer ist hier Schöpfung, wer Geschöpf? Wer ist König, wer Krone?

Viele Philosophen und Denker haben geäußert, dass das Universum sich im Menschen selbst erkenne. Sehr schön formuliert hat dies C. G. Jung:

Als ich auf den Athi Plains in Ostafrika auf einem kleinen Hügel stehend die vieltausendköpfigen Wildherden in lautloser Stille weiden sah, da hatte ich das Gefühl, der erste Mensch zu sein, das erste Wesen, das allein wußte, daß dies alles ist. Diese ganze Welt um mich herum war noch in der Anfangsstille und wußte nicht, daß sie war. Und eben in diesem Moment, da ich wußte, war die Welt geworden […]

„Die psychologischen Aspekte des Mutterarchetypus“ (1938). In: Archetypen, dtv, 11. Aufl., München 2004, S. 93

Eine Krone macht nicht nur eine Königin zu einer solchen; es ist auch die Krone, durch welche sie sich zu erkennen gibt. Der Glanz der Krone ist der Glanz der Erkenntnis. Denn es ist die glänzende Erkenntnis, die spezifisch menschlich bleibt.

Der Akt der Krönung bedeutet keinen Abschluss, als ob es jetzt keine Entwicklung und Evolution mehr geben dürfe – sie ist kein Deckel auf einer Tupperdose –, sondern einen Beginn. Mit der Krönung erstrahlt die Königin nicht nur in heiligem Licht, sondern nimmt königliche Verantwortung wahr. Sie fängt an, das Zepter zu führen. Sie kommt ihrer Aufgabe nach, das Reich zum Erblühen zu bringen. Sie ist es selbst, die erblüht.

Die Königin, die Schöpfung, trägt ihre Krone nicht ununterbrochen. In ihren Gemächern und zumal im Dunkel der Nacht mag sie sie ablegen. Dies entspricht der Lehre, dass der Mensch zum Teil Natur- und kosmisches Wesen sei, andererseits aber nicht ganz in dieser aufgehe und insofern auch aus ihr hinausfalle. Dieser Abstand ist die Voraussetzung der Erkenntnis. Andererseits führt aber eine zu lange, zu große Trennung dazu, dass die Schöpfung ihr königliches Antlitz einbüßt. Die Krone, der Mensch, entfremdet sich dann ihrem Haupt. Eine gute Königin trägt ihre Krone maßvoll. Die Krone bleibt ihr vertraut und steht mit ihr im Einklang.

So manches Fehlurteil ergab sich daraus, dass man die Krone für einen König hielt. Lohnt es sich nicht, darüber noch einmal neu nachzudenken?

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