Bekämpfen und Heilen

Zum Problemlösungsverständnis abendländischer Kultur gehört es, dass man Probleme bewältigt, indem man sie „bekämpft“, sprich: als Feinde klassifiziert, die es zu bekriegen und so zu beseitigen gilt. Das provoziert ein einfaches Freund-Feind-Schema, welches der Komplexität der Wirklichkeit nicht gerecht werden kann. Insbesondere Probleme, die auch mit einem selbst zu tun haben könnten, verbleiben naturgemäß unter diesem doch sehr begrenzten Radar.

Die Rhetorik des Kampfes tritt ständig auf: als Kampf gegen den Klimawandel, gegen Corona, alternativ gegen die „Corona-Dikatur“, gegen Krebs, gegen Rassismus, gegen den Kapitalismus: Bei jeder erneuten Setzung wird auf diese Weise zugleich mitgeteilt, dass die Anderen Schuld seien, während man selbst reinen Gewissens sein könne. Selbst ein „Kampf gegen den Krieg“ erscheint auf diese Weise nicht abwegig, obwohl diese Vorstellung an sich nicht plausibler sein dürfte als die, „Krieg für den Frieden“ zu führen.

Ich bin beileibe nicht der erste, wenn ich jetzt vorschlage, statt einer Kultur des Kampfes eine des Heilens zu etablieren. Doch neulich ist mir erst bewusst geworden, wie sehr das sogar auf einer grammatikalischen Ebene einen Unterschied macht.

Nehmen wir das Beispiel aus der Medizin, den Kampf gegen Krebs: Wenn ich davon spreche, gegen den Krebs zu kämpfen, zeichne ich ihn gewissermaßen als fremden Eindringling, als Einbrecher in das Haus meines Körpers, als blinden Passagier auf dem Schiff meines Leibes. Dabei ist Krebs doch eigentlich eine Krankheit, die als solche einen Zustand meiner selbst darstellt. Das gilt unabhängig davon, ob ich den Krebs durch meinen Lebensstil provoziert habe oder ganz altmodisch durch Pech erkrankt bin. Krankheiten bewältigt man nicht dadurch, dass man sie bekämpft, sondern dadurch, dass man sie heilt.

Und hier ist der bemerkenswerte Unterschied in der Grammatik des Kämpfens gegenüber der des Heilens: Wenn Maria Mustermann Krebs hatte, dann bedeutet der hierauf bezogene Satz „Frau Mustermanns Krebs ist geheilt“ dasselbe wie „Frau Mustermann ist geheilt“. Wenn etwas geheilt wird, dann werden also das Leiden (der Krebs) und das, was litt (Frau Mustermann), gleichermaßen geheilt. Unter dem Gesichtspunkt der Heilung erscheinen das Leiden und das Leidende als identisch miteinander. Wenn wir stattdessen äußern „Frau Mustermann hat ihren Krebs besiegt“, dann wurde der Krebs besiegt, aber nicht Frau Mustermann; diese stünde vielmehr als einsame Siegerin auf dem Hügel ihres Daseins, wo wir sie als „Kämpfernatur“, als entschlossene Vernichterin ihres Krebses bewundern können.

Probieren wir eine Übertragung auf den Rassismus: Rassismus ist das Leiden. Im Paradigma des Kampfes wird dieses Leiden dadurch beseitigt, dass man entweder die Rassisten beseitigt oder ihnen den Rassismus quasi „exorziert“, ihn als dämonische, weil von außen und damit aus einer Art Geisterwelt kommende Besessenheit wertet. Für gewöhnlich würde man sagen, dass es die diskriminierten Gruppen seien, die unter dem Rassismus zu leiden haben. Aber sobald wir vorhaben, den Rassismus zu heilen, wird unser Augenmerk dann auch auf die Rassisten selbst gelenkt werden, da eine Heilung des Rassismus offenkundig bei ihnen ansetzen muss. Der nächste logische Schritt wird darin bestehen, nach möglichen tieferen Ursachen des Rassismus zu fragen: Der Rassismus ist das nach außen hin Sichtbare und damit zunächst nur ein Symptom, die eigentliche Krankheit ist aber, was dieses Symptom bedingt. Mithin existiert Rassismus nur insofern, als es auch Rassisten gibt; von einem „Kampf gegen Rassisten“ würden wir aber nicht sprechen wollen, weil wir ja nicht die Menschen bekämpfen wollen, indem wir sie etwa verprügeln, sondern soziale Phänomene, die sich erst aus der Interaktion von Menschen ergeben (und diese lassen sich vielleicht besser „heilen“ als „bekämpfen“, wie nun deutlich sein sollte). Und hiermit sind wir direkt auf einer tieferen Ebene angelangt, deren Zugangsmöglichkeit durch das Narrativ vom „Kampf gegen den Rassismus“ vorab blockiert wird.

Nun muss man vorsichtig sein, gesellschaftliche Phänomene zu pathologisieren: Soziale Erscheinungen als Krankheiten darzustellen, kann auch zu einer Entmenschlichung der Betroffenen führen. Beispielsweise kann es schlimmer sein, Homosexualität als Krankheit darzustellen, als sie als böse einzustufen. Durch die „Heilung der Homosexualität“ können Homosexuelle unter Umständen einem höheren Leidensdruck ausgesetzt sein, als sie es wären, wenn man ihre Neigung lediglich für moralisch verwerflich erklären würde. Das Paradigma der Heilung führt hier im Vergleich zu dem des Kampfes tendenziell zur Ent-Moralisierung und kann dadurch eine Neutralität suggerieren, wo in Wahrheit keine ist.

Nichtdestotrotz sollte das nicht davon abhalten, den Reflex des Kämpfens zu hinterfragen. Es ist die Dosis, die macht, dass ein Ding ein Gift ist. Zur Absicherung sei angeführt, dass auch dem Streben nach Heilung eine ethische Einschätzung vorangehen dürfte. Denn „gesund“ und „krank“ sind bereits normative Ausdrücke: Gesund in einem absoluten Sinne kann nur sein, was ist, wie es sein sollte, krank nur, was es nicht ist. So lange man sich der subjektiven „Gesinnung“, die allen derartigen Wertungen irgendwo zugrundeliegt, bewusst bleibt, läuft man nicht Gefahr, den Gedanken der Heilung zu einer „Gesundheitsdiktatur“ zu pervertieren. Dem fundamentalistischen Christen, der unter Berufung auf die Objektivität der Bibel Homosexualität heilen will, wird dann kein Raum gegeben, ebenso wenig wie dem Sozialdarwinisten, der nach standardisierten Kriterien darüber entscheiden will, welches Leben lebenswert ist und welches nicht.

Das Bekämpfen birgt noch einen weiteren interessanten Aspekt: „Kämpfen“ suggeriert in unserer Kultur, dass man das Problem am besten mit maximaler Anstrengung, maximalem Einsatz und Kraftaufwand löst: „maximalinvasiv“, so ineffizient wie nur möglich. Je aufopferungsvoller der Kampf, desto ehrenwerter ist er.

In manchen ostasiatischen Kampfkünsten gilt es hingegen, den Gegner nicht zu besiegen, indem man ihm mit möglichst viel Widerstand begegnet, sondern indem man ihn sich mit seiner eigenen Kraft weitgehend selbst zu Fall bringen lässt. Damit nimmt man dem Gegner auch die Möglichkeit, das Freund-Feind-Schema anzuwenden. Indem man selbst zur Ruhe gelangt, wird man – so wohl die Hoffnung – zum stillen Wasser und damit zum Spiegel, welcher dem Gegner schließlich sein eigenes Wesen offenbart.

Das mag „utopisch“ klingen, sicher. Doch wie gesagt will ich keine Gesundheitsdiktatur aufbauen: Es geht zunächst nur darum, den ollen Reflex zu hinterfragen, alles Unliebsame mit maximalem Einsatz und Kollateralschaden – dafür mit schön viel Drama, Action und Explosionen – bekämpfen zu müssen.

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