Ökologie und Karma: Rächt sich die Natur am Menschen?

Angesichts der Corona-, aber auch der Klimakrise stellen sich viele Menschen die Frage, ob die Krisen nicht nur kontingente Geschehnisse seien, die sich so ereignen, wie sie es eben tun, sondern vielmehr eine „Quittung“ für unsere Ausbeutung der Natur, eine „Lektion“, die wir nun zu lernen haben, oder Vergleichbares. So titelte der WWF zu Corona, die Natur zeige uns Rot, und der ehemalige niedersächsische Umweltminister meint gar, sie räche sich am Menschen. Grundsätzlich bin ich absolut dafür, in der Natur auch das Symbolische zu sehen, statt sie dem Menschen lediglich als neutrale Materie gegenüberzustellen. Nichtsdestotrotz lässt sich fragen: Hat die Natur wirklich derartige Rachegelüste? Und wenn nicht, was wäre die Alternative?

Rache ist eine sehr zweideutige Angelegenheit. Es ist zunächst naheliegend, Rache als eine Form der Strafe zu betrachten. Oft wird die Strafe damit gerechtfertigt, dass es sich um eine unangenehme, jedoch notwendige pädagogische Methode zum Wohle des Bestraften handle; „Strafe muss sein“, sagt man. Alternativ kann sie als Mittel zur Aufrechterhaltung der Stabilität der Gesellschaft, zum Schutz von Menschen oder auch zum Schutz der Natur gelten, wenn man etwa meint, „Umweltsünder“ lernen ihre Lektion nur, sofern sie auch ihre gerechte Strafe erhalten.

Während sich die Strafe so vielleicht noch rationalisieren lässt, verhält es sich mit der Rache schon weitaus schwieriger. Die Rache dient weder dem Wohle des Bestraften noch dem Anderer, sondern primär der Befriedigung persönlicher Racheglüste. Rache bietet gerade keinen Anlass, irgendeine Moral aus der Geschichte zu ziehen. Ich würde in Erwägung ziehen, dass auch die angeblich gerechte Strafe in ihrem Ursprung eine Variante der Rache darstellt, aber darum geht es hier ja nicht.

Rache wird gewöhnlich mit noch mehr Rache gesühnt und mündet in einen Zyklus der Gewalt. Wenn sich jetzt die Natur an uns rächt, würde es daher der Logik der Rache entsprechen, dass wir uns anschließend wieder an ihr rächen und vielleicht ein paar Tiere quälen und Regenwälder roden – und so weiter, bis weder von uns noch von der Natur etwas übrig ist. Das Konzept der Rache bringt uns in kein harmonischeres Verhältnis zur Natur, sondern zeichnet den Menschen gerade als ihren Rivalen und Widersacher, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur als das einer Blutfehde.

Stephen Jenkinson bietet ein anderes Narrativ an:

Die Wildnis spielt nicht nach unseren Regeln. Aber die Wildnis hat ihre Prinzipien, unerbittliche. Sie gibt ihre wilde Seele nicht preis, um sich zu schützen. Wer von uns war nicht schon mal auf einer Campingtour und hat das unerbittliche Herankriechen der Zivilisation erlebt, Neonlicht aus der Ferne, das dorthin vordringt, wo einst stockdunkle Nacht herrschte? Hast du nicht auch ältere Menschen von einer nicht allzu fernen Vergangenheit erzählen gehört, in der dort, wo in deinem Leben jeder Winkel erschlossen ist, in ihrer Kindheit immer noch Platz für Schafgarbe und Rehspuren war? Wer hat sich nicht schon einmal insgeheim gewünscht, etwas aus der Wildnis möge sich erheben und die Pharmariesen oder Landwirtschaftsgiganten oder den militärich-industriellen Komplex oder einen entsprechenden regionalen Bösewicht niederschmettern, wie im Film Armageddon? Sie sollen eins aufs Haupt bekommen, das wäre doch ein Hoffnungsfunke für uns; und wir anderen sollen ungeschoren davonkommen, dann könnten wir ein bisschen bewussten Ökotourismus betreiben, von irgendetwas muss man ja schließlich leben… Die Wildnis erscheint in unserer Zeit entsetzlich verwundbar. Mit gleicher Münze die Demütigungen und habgierigen Praktiken heimzuzahlen, die sie erdulden muss, das wäre unsere Art von Rache: Auge um Auge, Zahn um Zahn; anders die Wildnis, die auf so ganz nicht-menschliche Art und Weise sie selbst ist. Durch diese Schutzlosigkeit, könnte man sagen, bewahrt sie sich ihre Seele. Es bricht einem das Herz. Und wenn die Wildnis durch unser Tun in den kommenden Dekaden erlischt, Art für Art, Ort für Ort, macht sie dies nach Art der Wildnis: nicht, indem sie ihre Seele preisgibt, nicht, indem sie sich rächt oder bestraft, sondern in Stille. [1]

Übernehmen wir dieses Narrativ, lässt sich durchaus noch von einer Reaktion der Natur auf unser Tun sprechen. Ob diese Reaktion eine Form der Rache oder Bestrafung darstellt, wäre diskutierbar, kann andererseits aber auch als nebensächlich gelten. Wichtig ist, worin die Reaktion besteht: nicht in Form eines eindeutigen Racheaktes – als Extremwettereignis, als biblische Plage, als Virus –, vielmehr in einem Verschwinden, Erlöschen, Sterben. Wenn wir die Natur schlecht behandeln, besteht ihre Reaktion darin, dass sie stirbt, also gerade in der Nicht-Rache. Wenn wir sie schlagen, hält sie auch noch die andere Wange hin. Hierin ist sie jedoch unerbittlich. So wirft sie uns auf uns selbst zurück. Wie wir uns verhalten, bleibt dabei unsere Wahl. Mögen wir noch so sehr auf eine Rache der Natur gegen uns hoffen: gezielte Belehrungen, uns von unseren Irrwegen ab und auf den richtigen zu führen, werden unerbittlich ausbleiben. Diesen Schritt müssen wir selber gehen.

Quellenverzeichnis

[1] Zit. n. Charles Eisenstein. Klima: Eine neue Perspektive. Europa, Berlin/München/Zürich/Wien, 2019, S. 347 f.

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