Dekonstruktion und Buddhismus

Anatta“ ist ein zentrales Konzept, über welches der Buddhismus aus den vedischen Lehren des alten Indiens erwuchs und sich von diesen entsprechend abgrenzt. Häufig wird es auf die Aussage reduziert, dass das Ich eine Illusion und zugleich Quell alles Leids beziehungsweise Anhaftens sei. Kombiniert mit Jacques Derridas Philosophie der Dekonstruktion ist hier jedoch ein deutlich erweiterter Blick möglich, der auch unser Verständnis von Logik und Wahrheit berührt. Ich bin versucht, darin den Kern von Anatta zu sehen, wie ich (ich Europäer) es auslegen würde.

Buddhismus und Präsenz

Der Buddhismus ist für Europäer nicht immer leicht zu verstehen. Wir neigen dazu, das Andersartige sogleich in vertraute Deutungsmuster einzuordnen, die naturgemäß dem Christentum entlehnt sind. „Transzendenz“, „Meditation“, „Spiritualität“ sind beispielsweise sämtlich Ausdrücke christlicher Tradition, selbst wenn versucht wird, letztere von der institutionalisierten Religion abzugrenzen: der spiritus sancti bleibt der „heilige Geist“; wer sich „spirituell“ nennt, nennt sich mitunter einen „Geistlichen“.

Eine Chance zum tieferen Verständnis bietet hier vielleicht die Flucht nach vorn beziehungsweise hinten, nämlich an den gemeinsamen Ursprung der indischen und europäischen Sprachen; ich sage „vielleicht“, weil ich hier (das heißt mit diesem ganzen Beitrag) keinerlei Deutungshoheit beanspruchen möchte. Und ich meine natürlich ihre gemeinsame Zugehörigkeit zur indogermanischen Sprachfamilie.

In ursprünglicher Bedeutung ist der spiritus der als Lebenshauch verstandene „Atem“, der in der Lutherbibel „Odem“ heißt und im Hinduismus – phonetisch ähnlich – „Atman“. In der vedischen Tradition – sofern sich über die verschiedenen Strömungen einheitliche Aussagen treffen lassen – ist der Atman das zunächst individuell scheinende Dasein oder Selbst-sein, welches jedoch bereits tiefer liegt als die gegenwärtige Inkarnation, aber auch tiefer noch als die sich in dieser inkarnierende Seele. Deswegen schreibe ich auch nicht „Selbst“, sondern „Selbst-sein“: der Atman ist nicht ein Selbst unter Anderen, sondern das, was jedem Selbst und jeder Seele gemeinsam ist – und zugleich ihr gemeinsamer Ursprung. Die schönste Beschreibung, die mir bekannt ist, lautet „Zeuge und Beobachter“. Der Atman ist das reine Dasein, ohne weitere Qualitäten, die alle nur von der Einfachheit dieses Faktums ablenken würden. Für den Hinduismus besteht die Erleuchtung in dem intuitiven und unmittelbaren Wissen, dass Atman mit Brahman identisch sei. Brahman ist dabei universell. Brahman ist das Sein.

Die Anatta-Lehre ist meines Wissens nach nun gerade das, worüber sich der Buddhismus inhaltlich am besten vom Hinduismus abgrenzen lässt. „Anatta“ oder „Anatman“ („An-Atman“) ist nämlich die Negation des Atman, also nicht seine Ineinssetzung mit Brahman, sondern die Verneinung seiner Existenz.

Wenn Anatta entsprechend als „Nicht-Ich“ übersetzt wird, dann erscheint diese Übersetzung zwar nicht falsch. Es muss aber berücksichtigt werden, dass das geleugnete Ich hier nicht nur die inkarnierte Person ist (die zum Beispiel einer Familie oder Ethnie angehört, männlich oder weiblich ist, einen Beruf ausübt), nicht nur die sich inkarnierende und reinkarnierende Seele (die über viele Leben hinweg dem Gesetz des Karma unterworfen bleibt), sondern eben das beschriebene Selbst-sein aller Wesen. Was der Buddhismus hier hinterfragt und bestreitet, ist also „Zeugnis und Beobachtung“, ist die Präsenz selbst. Das geht viel tiefer als die bloße Behauptung, das Ich sei eine Illusion. Das Ich zur Illusion erklären tun beispielsweise ja auch Neurowissenschaftler, wenn sie es als Konstrukt des Gehirns auffassen.

Dekonstruktion und Präsenz

An dieser Stelle steigen wir mit Derridas Dekonstruktion ein. Dekonstruktion ist eine semiotische Philosophie. Semiotik ist die Lehre von Zeichensystemen. Die Dekonstruktion beinhaltet eine bestimmte Theorie dessen, was ein Zeichen ist, zusammen mit einer geschichtlichen Deutung dessen, als was das Zeichen im Abendland erachtet wurde. Derridas Hauptwerk, die Grammatologie, lässt sich dabei verstehen als eine Philosophie der Schrift (griechisch grammé).

Im Rahmen seiner Deutung betrachtet Derrida vor allem das Verhältnis von mündlicher Rede und Schrift, also zwei Zeichensystemen. Derrida glaubt, dass in Kulturen, die die alphabetische Schrift nutzen, das eigentliche Wesen der Schrift verdeckt, ja, unterdrückt wird. Buchstaben „atomisieren“ die Schrift, insofern sie sie in wenige kleinste Elemente zerlegen, von denen jedes für sich dann weitgehend bedeutungslos bleibt. Denn ein einzelner Buchstabe sagt ja weitaus weniger aus als etwa eine ägyptische Hieroglyphe oder ein chinesisches Schriftzeichen. Darüber hinaus sind Buchstaben, insbesondere Vokale, zunächst ja Zeichen für Laute. In einer alphabetischen Schrift haben die vorhandenen Schriftzeichen also keine eigenständige Bedeutung mehr, sondern nur, insofern sie als Zeichen für Laute fungieren (die selber wieder Zeichen sind). Die Stimme hat den Vorrang. Natürlich können Buchstaben je nach Kontext unterschiedlich klingen (zum Beispiel bei einem langen und kurzen Vokal). Nichtsdestotrotz stellt die Alphabetisierung der Schrift ihrem Ansatz nach den Versuch dar, die Schrift als ein Zeichensystem für ein anderes Zeichensystem zu nutzen, nämlich die Rede. Für Derrida ist die alphabetische Kultur daher „phonozentrisch“, sie gewährt der Stimme (griechisch phoné) den Vorrang gegenüber der Schrift. Ihre Schrift mag dabei noch so viele Bibliotheken füllen – durch ihren alphabetischen Charakter bleibt sie vom Phonozentrismus beherrscht.

Schrift und Rede unterscheiden sich unter anderem hinsichtlich ihrer zeitlichen Charakteristik: Während die Rede nur für den Moment da ist und sogleich wieder verhallt, währt die Schrift – so erklärt man sich gemeinhin ja ihre Nützlichkeit – ewig. Durch ihre Alphabetisierung wird die Schrift jedoch zum Zeichen für ein Zeichen reduziert und als der Rede nachrangig eingestuft.

Hiermit gelangen wir zurück zur Frage nach der „Präsenz“. Für Derrida besteht ein wesentlicher Aspekt des Phonozentrismus darin, dass er mit Zeichen umgeht, als sei der Sinn des jeweiligen Zeichens, das „Bezeichnete“, mit dem Zeichen zugleich unmittelbar präsent. Hierbei handelt es sich jedoch um eine Täuschung, welche nicht dem wahren Wesen des Zeichens entspricht.

Anatta als Nicht-Präsenz

Während die vedischen Traditionen vom Atem zur Präsenz gelangen, gelangt Derrida von der Stimme zur Präsenz. Der Atem ist aber gerade der Träger der Stimme. Beide sind eng miteinander verwandt.

Für Derrida basieren auch die idealistischen Konzeptionen des Bewusstseins als Weltengrund auf dem Phonozentrismus. Gerade in der spirituellen Szene wird „Bewusstsein“ oft als eine Art absolutes Hier und Jetzt vorgestellt, als Selbstgegenwart des eigenen Geistes, als das unmittelbare Gegebensein der Dinge. Doch diese Gegenwart, diese Unmittelbarkeit ist gerade die phonozentrische Illusion. „Die Stimme ist das Bewusstsein“ [1], meint Derrida.

Doch dabei bleibt es nicht. Zum Präsenzglauben des Phonozentrismus gehört auch jedes Bestreben, die Welt durch Denken und Erkenntnis irgendwie festzuhalten. Auch moderne Technik und Wissenschaft, insofern sie von Fortschrittsoptimismus geprägt sind, gehören damit zum Phonozentrismus. Denn beide brauchen die „Wiederholung“: Technik funktioniert nur, so lange sie auch genau das macht, wofür sie konzipiert war. Und in der Wissenschaft gilt die Reproduzierbarkeit von Messergebnissen als wichtiges Kriterium für den Erkenntnisgewinn. Wissenschaft und Technik holen die entgleisende Vergangenheit auf diese Weise zurück in die Gegenwart, in die Präsenz.

Angenommen, dass die hier aufgezeigten Parallelen zwischen Dekonstruktion und Buddhismus nicht zufällig sind, sondern einer inneren Verwandtschaft entstammen, untergräbt die Dekonstruktion damit die manchmal anzutreffende Konzeption des Buddhismus als eine Art „atheistischer Religion“, welche zudem mit wissenschaftlicher Methodik „vereinbar“ sei. Das dürfte dann jedenfalls noch nicht der ganze Buddhismus sein. Was für Derrida die Wiederholung ist, ist für den Buddhismus das Anhaften.

Der über die Dekonstruktion gedachte Buddhismus sagt deswegen aber nicht, dass wir nicht in der Gegenwart leben sollten. Vielmehr erklärt er das Hier und Jetzt eben für eine Illusion. Wir sind ständig nicht nur in den Strom der Ereignisse geworfen; wir sind dieser Strom. Alles fließt, wie auch Heraklit meinte. Das Ich, Selbst oder Bewusstsein ist nur ein kleiner Teilaspekt von alledem. Anatta bedeutet noch weitaus mehr.

Nicht nur der Buddhismus, sondern auch Derridas Philosophie ist weitaus komplexer und vielschichtiger, als ich es auf so knappem Raum jemals darstellen könnte. Ich verkürze und vereinfache hier vieles, um dafür im Gegenzug halbwegs klare Aussagen treffen zu können. Eine tiefere Auseinandersetzung – die jedoch die eine oder andere Kenntnis voraussetzt – liefert zum Beispiel David Loy, der mich auch zu diesen Gedanken inspiriert hat.

Referenzen

[1] Jacques Derrida. Die Stimme und das Phänomen: Einführung in das Problem des Zeichens in der Phänomenologie Husserls. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2003, S. 108

2 Gedanken zu “Dekonstruktion und Buddhismus

  1. Mir erscheint da bei Derrida etwas recht widersprüchlich. Zum einen definiert er alphabetisierte Schrift als „phonozentrisch“, weil die einzelnen Buchstaben für Laute der gesprochenen Sprache stehen. Dann aber schreibst du:

    „Für Derrida besteht ein wesentlicher Aspekt des Phonozentrismus darin, dass er mit Zeichen umgeht, als sei der Sinn des jeweiligen Zeichens, das „Bezeichnete“, mit dem Zeichen zugleich unmittelbar präsent. Hierbei handelt es sich jedoch um eine Täuschung, welche nicht dem wahren Wesen des Zeichens entspricht.“

    Das widerspricht doch der – richtigen – Beschreibung der Buchstaben als an sich bedeutungslose Zeichen! Im Wort „Haus“ sind die jeweiligen Zeichen bedeutungslos, erst der Zusammenhang ergibt den Begriff, das „Bezeichnete“, nämlich das Haus.

    Nur in der Hyroglyphenschrift (schlichtes Haus-Symbol wie in einer Kinderzeichnung) würde der Satz stimmen, dass das Zeichen so behandelt wird, als sei das Bezeichnete unmittelbar präsent (als Bild im Kopf). Nicht aber in der alphabetisierten Schrift.

    ???

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    • Hallo!
      Ein „Zeichen“ ist für Derrida immer mit einem Verweis und insofern auch mit einer Bedeutung verbunden (wenn „Bedeutung“ hier einfach nur verstanden wird als das, worauf das Zeichen verweist). Der Buchstabe dient als Zeichen für einen stimmlichen Laut, was auch für H A U und S einzeln gilt. (Eine reine Lautschrift gibt es dabei nicht, aber das ist dennoch die Idee hinter der Buchstabenschrift.) Der Buchstabe ist also nicht komplett bedeutungslos; seine Bedeutung ist nur nicht die einer Sache (oder eines „Begriffs“), sondern eben eines Lautes. Dieser lässt sich vielleicht als bedeutungslos erachten, wenn er kontextfrei geäußert wird – wobei „Aah“ und „Ooh“ jedoch auch etwas bedeuten können, ebenso wie etwa „Tz tz tz“, und jeder Laut lässt sich wohl auch zum Beispiel auf aggressive oder milde Weise äußern -, jedoch ändert das nicht, dass Buchstaben so konzipiert sind, dass sie als Zeichen für die Rede fungieren, welche selber wieder als Zeichen für die Sachen selbst gilt. Man könnte einwenden, dass die Laute hier noch in einem Zwischenschritt zum Wort zusammengefügt werden müssen. Doch die Notwendigkeit eines solchen Umwegs ist es ja gerade, wodurch die Buchstabenschrift eine Reduktion der Schrift zum Zeichen für ein Zeichen bedeutet, anstatt etwa mit der Stimme „gleichgestellt“ zu sein und direkt auf Sachen oder Begriffe verweisen zu können (wie bei den Hieroglyphen). Ist das verständlich?

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