Menschenrechte und Menschenleben: eine erweiterte Perspektive

Anlässlich der Einschränkungen unserer Freiheit habe ich in meinen bisherigen Beiträgen zu Corona unsere verbrieften Grundrechte eher verteidigt und betont. Leitmotiv war dabei, dass Menschenleben keinen absoluten Vorrang vor den übrigen Menschenrechten haben können – denn sonst müssten wir den Corona-Zirkus auch zur alljährlichen Grippewelle veranstalten –, und dass insbesondere ein Leben, das bloß noch dem Überleben dient, ein sinnloses Leben wäre. Nachdem das nun geklärt ist, möchte ich eine erweiterte Perspektive vorschlagen.

Eine kurze Kritik der Menschenrechte

Für gewöhnlich stehe ich den Menschenrechten nämlich eher skeptisch gegenüber, weil sie mir tendenziell als leere und abstrakte Formeln erscheinen. Anstatt die Gleichheit aller Menschen zu betonen, wäre es vielleicht eher wünschenswert, auf ihre individuellen Bedürfnisse einzugehen. Darüber hinaus stellen sich Frage wie die, warum Menschen derartige Rechte haben sollen, Tiere aber nicht. Natürlich wird auch viel über Tierrechte diskutiert, aber nicht mit der gleichen Vehemenz.

Vor allem sind die Menschenrechte aber als geschichtslose, ewige, absolut wahre Prinzipien konzipiert. Als solche dienen sie nicht primär dem praktischen Bestreben, die Welt besser zu machen, sondern zunächst einmal der Rückbindung an einen moralischen Kodex, welcher bestenfalls dazu dient, die Stabilität der Gesellschaft zu gewährleisten – und schlimmstenfalls nur dazu, dem Einzelnen ein reines Gewissen zu bescheren und Verletzungen der Menschenrechte als Sünden anprangern zu können.

Indem die Menschenrechte universale Deutungshoheit beanspruchen, sind sie imperialistisch. Stellen wir uns einmal ein indigenes Volk vor, welches in Form einer funktionierenden Subsistenzwirtschaft im Einklang mit der Natur lebt, aber hier und da eben merkliche Menschenrechtsverletzungen begeht: Weil die Menschenrechte nicht volksgebunden sind, müssten die Sitten und Bräuche der Indigenen eben als derartige Verletzungen gelten und auch angeklagt werden. Laut der Erklärung der Menschenrechte wäre es deswegen das Richtige, ihre Kultur zu zerstören und sie in die unsrige zu integrieren. Denn die Menschenrechte sind ja aus Prinzip wahr, sie sind evident und können demnach nicht falsch sein, diese Möglichkeit besteht einfach nicht, sie wäre logisch widersinnig. Demnach sind es aber die Indigenen, die in ihren Vorstellungen von Ethik irren. Wir müssen sie unbedingt von ihren irrigen Wegen erlösen, indem wir sie darüber aufklären, was die Wahrheit und das Richtige ist. Wir müssen die ganze Falschheit ihres jetzigen Daseins vernichten und auf diese Weise „Entwicklungshilfe“ leisten.

Von hier ist es kein weiter Weg zu Art. 18*, der unter anderem die Religionsfreiheit sichert. Es sollte ja klar sein, dass die freie Religionsausübung durch die Menschenrechte nur solange gesichert bleibt, wie die betreffende Religion im Einklang mit sämtlichen übrigen Menschenrechten steht (was in Art. 30 allgemein für alle Rechte betont wird). Damit gelten nach wie vor die Menschenrechte als höchste moralische Instanz, die Religion ist von vornherein für sekundär erklärt worden, zur blutleeren Privatsache, zum sozio-kulturellen Habitus. Weitaus ehrlicher wäre es hier, direkt die Abschaffung aller Religion zu fordern, auf dass die säkularen Menschenrechte als einzig wahre Moral den Menschen zur sittlichen Orientierung dienen mögen.

(*Die Links führen zu einer vereinfachten und teils verkürzten Darstellung für Jugendliche. Ich fand keine andere Möglichkeit, die Artikel einzeln zu verlinken.)

Dass die Menschenrechte möglicherweise nicht überzeitlich und für alle Ewigkeit gültig sind, könnte auch Art. 4, das Verbot der Sklaverei nahelegen. Denn würde man deswegen nun wirklich sagen wollen, dass die Griechen und Römer, die ollen Sklaventreiber, allesamt Menschenrechtsverletzungen begangen haben? Scheint es nicht eher, als seien die Menschenrechte eine Erfindung – und eben keine Entdeckung – der Neuzeit, also eine zeitabhängige Vorstellung, die wir in diesem Fall auf vergangene Zeiten projizieren? Wurden die Menschenrechte im Zeitalter der Aufklärung wirklich „gefunden“, als überzeitliche und überweltliche moralische Prinzipien, die womöglich schon vor den Menschen und seit Anbeginn des Universums existierten, oder hat man sie vielleicht doch eher „erfunden“, sie „erdacht“ und dann eben „erklärt“? Erscheint die letztere Deutungsweise nicht weitaus plausibler?

Interessant ist es auch, Art. 4 über die Sklaverei mit Art. 23, dem Recht auf Arbeit und gleichen Lohn zu vergleichen, und zwar aus marxistischer Sicht. Für Marx war die Lohnarbeit eine Fortsetzung der Sklaverei in abgewandelter Form. Die Freiheiten, die der Lohnarbeiter im Vergleich zum Sklaven hat, hielt er für eine Leerformel, welche den Arbeiter vor allem mit der Illusion beschwichtigen soll, er könne leben und arbeiten wie er wolle, er sei seines Glückes alleiniger Schmied. Derartiges wird in der Menschenrechtserklärung an keiner Stelle erwogen; durch die strikte Trennung von Lohnarbeit und Sklaverei ist die Freiheit, von der gesprochen wird, als etwas Echtes und Authentisches vorausgesetzt.

Im Übrigen wäre auch eine Welt, in der es kein Geld gibt, entsprechend eine Menschenrechtsverletzung. Indigene Stämme, die kein Geld verwenden, wären also auch deswegen anzuklagen.

In Art. 27 ist das Recht an Teilhabe am wissenschaftlichen Fortschritt beschrieben. Das setzt voraus, dass es institutionalisierte Wissenschaft gibt.

In Art. 25 ist das Recht auf Zugang zu ausreichend Lebensmitteln, Kleidung, Medizin etc. beschrieben. Das setzt voraus, dass es von alledem genug für alle gibt. Ist eine Hungersnot, zum Beispiel durch eine Dürre, also eine Menschenrechtsverletzung seitens der Landwirte (oder jemand Anderem), weil sie den Menschen nicht genug zu Essen geben?

In Art. 21 ist ein demokratisches Wahlrecht beschrieben. Demnach müsste jede Monarchie der Geschichte eine Menschenrechtsverletzung darstellen. Außerdem heißt es dort, dass die Wahlen geheim sein müssen. Demnach stellt auch eine indigene Stammesgemeinschaft, die ihren Anführer per Konsens im Sitzkreis ernennt, eine Menschenrechtsverletzung dar, weil der Vertreter ja nicht durch geheime Abstimmung gewählt wurde.

In Art. 15 ist das Recht auf eine Staatsangehörigkeit beschrieben. Haben also sämtliche Menschen der Steinzeit Menschenrechtsverletzungen begangen, weil es damals keine Staaten gab?

Wäre es bei alledem nicht logisch und ethisch gesehen weitaus besser, die Menschenrechte als Setzungen anzusehen, die zunächst nur für bestimmte Gesellschaften mit einer ganz bestimmten Organisationsweise in einem bestimmten Zeitalter gelten können und sollen? Innerhalb dieser Gesellschaften können sie ja trotzdem sinnvoll sein, das will ich nicht so pauschal in Abrede stellen. Wie gesagt habe ich mich in letzter Zeit eher für sie – beziehungsweise für die gesetzlich zugesicherten Grundrechte – ausgesprochen. Es ist vor allem die Rücksichtslosigkeit ihres universalen Geltungsanspruchs, über die ich mich hier ärgere.

Es bereitet bereits große Schwierigkeiten, Menschen überhaupt Rechte zuzuschreiben, die allein ethisch bedingt sein sollen, ohne deswegen zumindest in minimaler Hinsicht auch gesetzlich gelten zu müssen, also durch eine Staatsgewalt zugesichert zu werden. Die Menschenrechte sind zunächst ja gerade kein Teil des Gesetzes und sollen es nicht sein, weil sie ja auch für Staaten Geltung haben sollen, welche sie komplett missachten. Die Frage ist hier jedoch, ob es überhaupt Rechte geben kann, ohne dass auch eine entsprechende Gewalt vorhanden ist, die für die Befolgung dieser Rechte sorgt. Die Frage ist, ob es eine moralische Geltung gibt, die absolut unabhängig von moralischer Achtung existiert. Mit anderen Worten: Hätten die Menschenrechte noch irgendeine Bedeutung, wenn es niemanden gäbe, der sich für sie einsetzt? Hätten sie insbesondere noch eine Bedeutung, wenn niemand je von ihnen gehört hätte?

Nun ist die Situation bei Corona etwas anders beschaffen. Die ausgesetzten Grundrechte sind nicht nur in der Menschenrechtserklärung vorhanden, sondern auch im Grundgesetz verankert. Das ist jedoch ein Detail, welches uns für die folgenden Überlegungen nicht weiter zu kümmern braucht.

Der Nihilismus der Moral

Denn die vorherigen Ausführungen sollten nur den passenden Ton setzen für die umfassendere Moralkritik, welcher wir uns jetzt widmen wollen. Das ist ein heikles Thema, zumindest ein polarisierendes, eines, an welchem sich die Geister scheiden können.

Im Grunde möchte ich hier ähnliches sagen wie Friedrich Nietzsche, wenn dieser meinte, dass Moral, wenigstens in Geboten hypostasierte Moral, im Grunde ihres Wesens nihilistisch sei. Das heißt, sobald ich meine, das Richtige und Gute in universellen Formeln fixieren zu können, habe ich mich so dermaßen vom dem entfremdet, was mich eigentlich dazu bringt, moralisch sein zu wollen, dass meine Moral nichts mehr weiter sein kann als oberflächliche Kosmetik vor dem Hintergrund eines als leer und sinnlos vorgestellten Alls. Je zerbrechlicher dieser schöne Schein ist, desto mehr muss ich mich natürlich an ihm festklammern, desto hysterischer muss ich ihn verteidigen, alles aus Angst vor dem Abgrund des Nichts, welcher direkt hinter mir lauert.

Man beachte, dass Moral auch eine alternative Wortbedeutung hat, wenn zum Beispiel von „Arbeitsmoral“ die Rede ist. In dieser Redensart bedeutet Moral einen Willen, eine Motivation, einen Antrieb, eine innere Kraft. In dieser Bedeutung ist sie gerade kein überzeitliches System anonymer Werte und Normen, sondern wird situations- und personengebunden von innen empfangen. Diese Art der Moral steht im Einklang mit Leib und Seele.

Der säkulare Humanismus, wie er sich in der Menschenrechtserklärung äußert, befürwortet erklärtermaßen das wissenschaftliche Weltbild. Zu diesem zählte aber lange – und zählt noch heute – ein mechanistisches Denken, das unter anderem durch den Determinismus gekennzeichnet ist. Laut dieser Auffassung existiert Kausalität als Gesetz von Ursache und Wirkung in der Weise, dass der heutige und jeder zukünftige Zustand des Universums durch jeden vorherigen Zustand vollständig bedingt und bestimmt ist. In der Physik haben die Quantentheorie und Chaosforschung hier zwar noch ein Moment des Indeterminismus, des Zufalls, hinzugefügt, der jedoch ein bloßer Zufall bleibt und die Welt in keinem Stück sinnerfüllter oder ähnliches machen würde. Der bloße Zufall bringt keine Freiheit.

Es war mir immer ein Rätsel, wie man in diesem Weltbild auch nur auf die Idee kommen kann, so etwas wie Moral, Humanismus oder auch nur das Leben könne noch irgendeine Form von Relevanz besitzen. Am absurdesten ist hierbei, logisch betrachtet, dass der Humanismus auch noch das Ideal der „Freiheit“ vertritt. Psychologisch betrachtet braucht der Humanismus aber vielleicht gerade diesen Widerspruch, braucht die hypostasierte Moral die Doppelmoral, braucht die Freiheit den Zwang.

Im Determinismus ist ausnahmslos alles vorherbestimmt; so etwas wie Freiheit sollte es also gar nicht geben. Vielleicht gibt es die Möglichkeit, sich irgendwie so etwas wie Freiheit herbeizuargumentieren, indem man „positive“ von „negativer“ Freiheit unterscheidet oder was auch immer; ich spreche dies aber vor allem aus der tiefen Irritation darüber aus, dass etliche Menschen hierüber nicht einmal die geringste kognitive Dissonanz zu empfinden, ja, sich gar nicht um diese Diskrepanz zu kümmern scheinen. Im mechanistischen Determinismus ist die Welt, so scheint es doch, einfach nur Zwang und nichts anderes, und Moral müsste eigentlich überflüssig sein, allein der Nihilismus müsste regieren. Das spricht – mit Nietzsche – eben wieder dafür, dass die „äußere“ Moral tatsächlich einfach nur nihilistisch ist, dass der Nihilismus zu ihrem heimlichen Wesen gehört.

Deswegen vermute ich, dass die ganze Zwanghaftigkeit, die uns in Zeiten von Corona begegnet, letztlich dem mechanistischen Weltbild entstammt, welchem sich der angeblich freiheitsliebende, säkulare Humanismus seit jeher heimlich verschrieben hat. In Zeiten von Corona ist es die Lüge der Freiheit, die nun als solche offenbar wird, und die darunter liegende Wahrheit des Zwangs, die mit ihrem Verschwinden in Erscheinung tritt.

Von Menschenrechten zu Menschenleben

Aus dieser Perspektive ist es eigentlich nur konsequent, diejenigen zu belächeln, die in Zeiten von Corona noch unsere Freiheit und verbrieften Grundrechte verteidigen wollen. Sie wollen eben noch weiter in ihrer kleinen Illusion eines sinnerfüllten Lebens in einem sinnlosen Universum leben. Sie haben den Schuss nicht gehört, wissen noch nicht, was wirklich Sache ist. Es ist dann nur konsequent, den Experten sämtliche Macht anzuvertrauen, auch die politische Autorität in die Hände der Wissenschaft zu legen, die Technokratie zu etablieren, sie die Welt verwalten zu lassen – weil der Humanismus in Wahrheit von Anfang an hierauf ausgelegt war.

Laut Evolutionstheorie sind wir Maschinen, die zum Überleben der Spezies programmiert sind. Von Glück oder Freiheit ist hierbei keine Rede. Wir brauchen keine Rechte mehr, sondern nur noch das Leben, und zwar als ein bloßes Überleben. Deswegen lautet die Devise jetzt eben, Menschenleben zu retten, statt Menschenrechte zu wahren.

Von Leben retten zu Lebenssinn

Doch ganz konsequent ist das auch wieder nicht. Wie gesagt sollte es im Nihilismus auch für das Überleben keinen nennenswerten Grund mehr geben. Im konsequent gedachten Nihilismus ist es nicht mehr ersichtlich, warum Leben oder Überleben erstrebenswert sein sollte. Dem Abgrund des Nihilismus ist man also vielleicht einen Schritt näher, blickt in ihn aber doch noch nicht hinein.

Damit wir aus dem Schlamassel hinausgelangen –  ich verharmlose hiermit die Tiefe dieser philosophischen Fragestellung etwas –, wird unter anderem eine veränderte Auffassung von Natur nötig sein. Das Kausalitätsprinzip, welches den mechanistischen Determinismus ausmacht, erachtet die Natur im Wesentlichen ja als Technik, also als das, was Natur gerade nicht ist.

Für Aristoteles zum Beispiel ist das Natürliche das Selbstbewegte. Laut dem Gesetz von Ursache und Wirkung gibt es jedoch keine innere Selbstbewegtheit, sondern nur einen äußeren Kräftezusammenhang. Glücklicherweise ist das mechanistische Kausalitätsgesetz logisch aber kaum zu rechtfertigen, es stellt letztlich einfach nur eine metaphysische Annahme über die Wirklichkeit dar, die wie die Menschenrechte jeder echten Begründung entbehrt. Ich vermute, dass sowohl das Gesetz von Ursache und Wirkung als auch das physikalische Konzept der Kraft hauptsächlich der Selbsterfahrung des Menschen entstammt, welcher natürliche Materialien nutzt, um sie mit körperlicher Kraft zu technischen Konstrukten zu gestalten, wobei er seinen Geist oder seine Körperkraft als Ursache der erzielten Wirkung wahrnimmt. Würden wir uns hier einmal mit dem Sinn dieser Konstruktionen oder, noch weitaus besser, mit der Natur als sie selbst befassen, kämen wir hier vielleicht auf völlig andere Gedanken. Ich glaube fest daran, dass wir dann auch einen Lebenssinn entdecken können, der über das Ziel des Überlebens, das wir als vorprogrammierte Überlebensmaschinen in uns tragen, hinausgeht.

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