Corona zwischen Technokratie und Nihilismus

Der Corona-Krise begegnen wir in vielerlei Hinsicht mit einer trostlosen Überlebenslogik, mit einem technokratischen Nihilismus: Um Menschenleben zu retten, müssen wir uns quasi tot stellen. Dieses Denken ist nicht neu. Die Krise bringt es lediglich zum Vorschein. Damit kann sie aber auch als Chance gesehen werden, dem Abgrund ins Gesicht zu blicken.

Heideggers „Gestell“

Der Philosoph Martin Heidegger spielte gern mit Worten. Dabei schuf er Neologismen oder verfremdete bestehende Ausdrücke, wie das „Gestell“, welches man sonst ja nur als „Bettgestell“ oder ähnliches kennt. Derartige Tricks können dem Denken neue Wege bahnen; sie können aber auch dazu führen, dass sich der Philosoph in seinem eigenen Denken verliert und irgendwann nicht mehr mit Anderen kommunizieren kann. Bei Heidegger war beides der Fall. Nichtsdestotrotz finde ich ihn äußerst inspirierend und komme immer wieder auf ihn zurück.

Das Gestell ist bei Heidegger so etwas wie die „verwaltete Welt“ – die geschichtliche Situation, in der Mensch und Natur zu Human- und Naturkapital werden, zu human resources und natürlichen Ressourcen, zu Kostenpunkten in einer Rechnung, zu Daten und Zahlen in Diagrammen und Tabellen.

Heidegger glaubte, dass alles Seiende, indem es als Seiendes begriffen wird, „entborgen“ wird. Wenn wir die Dinge benennen, bringen wir sie zugleich „ans Licht“ und „in die Wahrheit“ (wobei Heidegger fortlaufend darauf hinweist, dass das griechische Wort für Wahrheit, aletheia, gerade als „Unverborgenheit“ übersetzt werden kann). In jedem Akt des Entbergens zeigt sich dabei das Sein selbst auf eine bestimmte und als solche niemals „neutrale“ Weise. Das Gestell ist dabei diejenige Weise des Entbergens, welche das Seiende in Form von Daten und Fakten präsentiert und als etwas Vorhandenes „hinstellt“. Jeder Graph, jede Tabelle und Statistik repräsentiert, „wiederholt“ irgendwie auch das Gestell.

Was Heidegger meint, geht über das, was oft mit „Framing“ bezeichnet wird, zwar weit hinaus. Andererseits eignet sich dieser Begriff aber auch für eine weitere Deutung, weil ein frame, Rahmen, ja auch so etwas wie ein „Gestell“ ist. „Framing“ bedeutet so viel wie die manipulative Darstellung eines Sachverhaltes. Für Heidegger existieren jedoch auch die „reinen“ Daten und Fakten nur im Rahmen des Gestells, ihre „Reinheit“ – und wohl auch die entsprechende Idee der „Darstellung“ selbst – bleiben dem Gestell nicht äußerlich, sondern sind ihm integraler Bestandteil.

Das Gestell und die Klimakrise

Wenn etwa die „CO2-Bilanz“ nicht nur als nützliche Rechengröße verstanden wird, sondern im Zentrum der Klimadebatte steht, dann ist diese Debatte Teil des Gestells: Es geht dann offenbar darum, Naturschutz vor allem als ein isolierbares mathematisches Problem zu begreifen, von welchem Aspekte wie etwa Schönheit, Philosophie oder die theologischen Tugenden (Glaube, Liebe, Hoffnung) eher ablenken, als dass sie sich als nützlich erweisen könnten. Sie gelten dann als Luxusprobleme.

Fairerweise muss gesagt werden, dass der Weltklimarat äußerst interdisziplinär aufgestellt ist und sich mittlerweile auch Philosophen beteiligen. Für den Klimaaktivismus gilt das aber nicht immer: Greta Thunberg meint zum Beispiel, dass es um unser Überleben gehe, und dass dies eine Frage von schwarz und weiß sei: „Wenn die Emissionen aufhören müssen, dann müssen wir die Emissionen stoppen. Für mich ist das schwarz oder weiß. Es gibt keine Grauzonen, wenn es ums Überleben geht.“ [1] Das legt nahe: Überleben sei also alles, worum es geht, und Fragen jenseits hiervon müssen schlechterdings als Luxusprobleme gelten. Thunberg widerspricht sich diesbezüglich selbst, wenn sie an anderer Stelle auf Fragen sozialer Gerechtigkeit hinweist, die sich naturgemäß in Grauzonen bewegen. Trotzdem hat sie wiederholt den Schwarz-weiß-Aspekt der Situation betont.

Wenn über Luxusprobleme, first world problems gesprochen wird, muss aber unbedingt differenziert werden. Diese Ausdrücke werden ja durchweg in ironischer oder abschätziger Weise verwendet. Hierin liegt aber durchaus eine gewisse Doppeldeutigkeit: Es ist ja ein klassiches Luxusproblem, wenn ich jetzt nicht das Konzert meiner Lieblingsband besuchen kann oder wenn meine Lieblingssorte Klopapier ausverkauft ist. Es ist aber in einem ganz anderen Sinne ein Luxusproblem, wenn ich mich an meinen Luxus klammern muss, weil ich mich sonst innerlich leer fühle, wenn ich keinen echten Sinn im Leben sehe und es mir daher an innerer Kraft fehlt, den Verheißungen der Supermarktregale zu widerstehen. Eine Krise, die den Luxus zum Problem macht, kann nur gelöst werden, wenn im Zuge dessen auch die Leere, die wir sonst mit Luxus füllen, auf andere Weise gefüllt wird – zum Beispiel mit echtem Lebenssinn, der über den Gehalt von Kalender- und Werbesprüchen, über postmoderne Hypermoral und auch über die reine „Anti“-Haltung revolutionären Aufbegehrens hinausreicht. Die Sinnkrise des Abendlandes ist ein Problem der sogenannten „ersten Welt“ und insofern ein first world problem. Trotzdem ist sie ein ernstes Problem. Die Klimakrise kann nicht gelöst werden, ohne auch die Sinnkrise zu lösen.

Wenn Greta Thunberg ihre Überlebensrhetorik an den Tag legt, verschreibt sie sich dem Nihilismus. Ich bin kein Greta-Hasser und reduziere wie gesagt nicht alle ihre Äußerungen hierauf. Eine differenzierte kritische Auseinandersetzung muss jedoch möglich bleiben.

Das Gestell und die Corona-Krise

Bei Corona wird eine ähnliche Rhetorik angewendet wie in den weniger durchdachten Äußerungen Thunbergs. „Menschenleben retten“ lautet die aktuelle Devise, wobei alles, was nicht nur das Überleben betrifft, als sekundär eingestuft wird. Die seit Jahren wütende Einsamkeitspandemie wird dabei ignoriert – wie angedeutet geht es mir hier nicht darum, dass ich lediglich wie ein quängelndes Kind meinen Lutscher behalten wollte –, Alkoholismus und häusliche Gewalt werden in Diskussionen vielleicht benannt, gelten dann aber doch wieder als nebensächlich angesichts der großen Pandemie „da draußen“. Die Krise ist draußen und hat dort gefälligst zu bleiben. Dass sie auch mit uns selbst zu tun haben könnte, ist undenkbar und, wissenschaftlich betrachtet, ja auch völliger Unsinn, oder etwa nicht? Das Virus ist doch aus China gekommen, und je mehr wir zu Hause bleiben, desto besser, oder etwa nicht?

Die Wissenschaft ist aber gerade eine Weise, auf welche sich das Gestell äußert. Genauer gesagt ist es für Heidegger die Technik, welche er nicht für ein Produkt „angewandter“ Wissenschaft hält, sondern die im praktischen Wesen der Wissenschaft selbst angelegt ist. Wissenschaft und Technik geben sich zwar gerne den Anstrich der Neutralität:

Am ärgsten sind wir jedoch der Technik ausgeliefert, wenn wir sie als etwas Neutrales betrachten; denn diese Vorstellung, der man heute besonders gern huldigt, macht uns vollends blind gegen das Wesen der Technik. [2]

In der modernen Physik und den sich auf sie berufenden Wissenschaften hält man die „Metaphysik“, also die philosophische Deutung der Wirklichkeit, für überwunden. Relativitätstheorie, Quantentheorie und nicht zuletzt auch die Chaosforschung haben weitgehend zu der Vorstellung geführt, physikalische Theorien stellen funktionierende Zusammenhänge zwischen Messbarem her, werden uns aber nicht die letzten Geheimnisse des Universums enthüllen (und wo man doch daran glaubt, wie etwa in der Stringtheorie, verirrt man sich ins Bodenlose). Die Aufteilung der Wirklichkeit in etwa Raum, Zeit, Materie und Energie gilt nicht mehr, auch das Prinzip von Ursache und Wirkung wurde erschüttert.

Damit hält man auch den naturwissenschaftlichen Materialismus, also die Vorstellung, die „materielle Welt“ sei erstens die Wirklichkeit und zweitens aus Atomen gebaut (oder subatomaren Partikeln oder ähnlichem), weitgehend für überwunden. Doch ist er das wirklich? Hören wir noch einmal, was Heidegger dazu zu sagen hat:

Das Wesen des Materialismus besteht nicht in der Behauptung, alles sei nur Stoff, vielmehr in einer metaphysischen Bestimmung, der gemäß alles Seiende als das Material der Arbeit erscheint. Das Wesen der Arbeit ist in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ vorgedacht als der sich selbst einrichtende Vorgang der unbedingten Herstellung, das ist Vergegenständlichung des Wirklichen durch den als Subjektivität erfahrenen Menschen. Das Wesen des Materialismus verbirgt sich im Wesen der Technik, über die zwar viel geschrieben, aber wenig gedacht wird. [3]

Was den Materialismus ausmacht, ist demnach nicht die Auslegung des Seienden als Materie, sondern als Material. Zwischen beiden besteht der wesentliche Unterschied, dass „Materie“ sich auf das Seiende an sich bezieht, wie es auch ohne den Menschen vorhanden wäre, während „Material“ eine Auslegung des Seienden hinsichtlich seiner technischen Verfügbarkeit zur Verarbeitung darstellt. „Material“ können dann wieder Kapital und Ressourcen sein, zu welchen Mensch und Natur ja gemacht werden. Verwandt ist diesen die „Arbeitskraft“ – die Lehrkraft, Fachkraft, Windkraft oder Wasserkraft.

Für die Unterscheidung von Materie und Material hat Heidegger noch einen anderen Namen: „Vorhandenes“ und „Zuhandenes“. Vorhandenes ist, was unseres Erachtens an sich besteht – die übliche Bedeutung von „Substanz“, welche im „offenen“ Materialismus als Materie gegeben ist. Zuhandenes ist hingegen, was wir im tagtäglichen Umgang als Gebrauchsgegenstände verwenden. Wenn etwa ein Kind die Dinge zunächst durch manuelles Begreifen begreift, ist die Welt für es noch im Stadium der Zuhandenheit; beginnt es, mit dem Zeigefinger auf Dinge zu zeigen, hat es sie schließlich als vorhandene entdeckt. Der Materialist würde sofort meinen, dass die Vorhandenheit das wahre Sein der Dinge sei und die Zuhandenheit hiervon abgeleitet, dass sie in ihrer intuitiven Vertrautheit ein Konstrukt der Gesellschaft, der Psyche oder des Gehirns sei – während der Materialist das meinen würde, dreht Heidegger die Hierarchie schlicht um und meint, die Zuhandenheit sei der „frühere“ Daseinsmodus der Dinge. Für den Materialisten hat ein Hammer Masser und ist darum schwer, wenn er in der Hand liegt. Für Heidegger ist der Hammer schwer und kann nur deshalb Masse haben.

Dass die Wissenschaft in ihrer heutigen Form, in ihrer strengen Methodik und ihrer Rechnerei die Dinge behandelt, als wären sie (lediglich) vorhanden, sei hiermit als Prämisse gesetzt. Doch gerade, indem die Wissenschaft „angewandt“, „pragmatisch“ und „lösungsorientiert“ vorgeht, legt sie ihrem gesamten Tun die Dinge als etwas Zweckdienliches und damit Zuhandenes zugrunde. In diesem Widerspruch liegt das heute zumeist verborgene Wesen des Materialismus und zugleich seine Schizophrenie, und zwar die Koexistenz von Nihilismus und Technokratie: „Nihilismus“, weil eine Welt des bloß Vorhandenen eine Welt gleichgültiger Objekte und damit ohne Sinn ist; „Technokratie“, weil die Wissenschaft trotzdem über diese Welt herrschen will und hierbei die Deutungshoheit beansprucht. Die Wissenschaft muss sich die Welt sinnlos machen, um ihre eigenen Herrschaftsbestrebungen unkenntlich zu machen.

Psychologisch gesprochen handelt es sich bei dem wissenschaftliche Streben nach „Objektivität“ eben auch um die „Objektivierung“: In der Psychologie bedeutet Objektivierung die Entmenschlichung eines Menschen durch performative Akte wie Beleidigungen, die der Täter ausübt, um sich von seiner eigenen Unzulänglichkeit abzulenken und dem Opfer gegebenenfalls Schlimmeres anzutun – Dinge, die man einem vollwertigen Menschen eben nicht antun würde. Ähnlich ist die Objektivierung, welche die Technik bewirkt, die Entweltlichung der Welt, indem diese als gleichgültiges Vorhandenes vor-gestellt wird. Die Technik macht dann Dinge, die man in einer sinnerfüllten Welt unterlassen würde.

Gerade, weil das Wesen der Technik älter ist als die moderne Technik, benötigt diese Weltbeherrschung auch keine Anwendung sichtbarer Apparate: Die Weltbeherrschung geschieht mittels der sicheren Prognose, der Vorhersage, wie sich die Dinge in Zukunft entwickeln werden, mit der Einschätzung der Lage durch Experten und eben den Gestus der Neutralität und Sachlichkeit, welcher all das begleitet. Die Welt in die Hand von Experten zu legen, bedeutet in Zeiten des Gestells (also auch in „Zeiten von Corona“), die Sinnhaftigkeit des Lebens zu leugnen, sich selbst als Teil der großen Maschine zu betrachten und sich dieser Position anstandslos zu fügen. Das gilt völlig unabhängig davon, wie groß die Gefahr oder Ansteckungsrate nun wirklich ist, wird jedoch umso tiefgreifender, je weitreichender die Corona-Maßnahmen sind.

Die letzte sinnhaft erscheinende Handlung, die im Nihilismus noch bleibt, ist sodann das „Retten von Menschenleben“. Ich will damit nicht sagen, dass wir das nicht tun sollten. Doch es muss auffallen, dass Menschenleben uns und die Politik bei etlichen anderen Geschehnissen bei weitem nicht so sehr zu kümmern scheinen. Menschen sterben ja auch jedes Jahr an der gewöhnlichen Grippe oder im Straßenverkehr, was allein schon zeigt, dass der Imperativ, Leben zu retten, erst ab einer bestimmten Anzahl von Leben zu greifen scheint.

Doch auch diese Anzahl ist hier nicht der entscheidende Faktor. Denn die Maßnahmen gegen den Klimawandel fallen weitaus geringfügiger aus, obwohl er doch die größere Bedrohung darzustellen scheint. Hier kommt sodann ein anderes Argument zur Verteidigung der Maßnahmen ins Spiel: die Beschwichtigung darüber, dass die Maßnahmen ja nur temporär seien (im Gegensatz zum Klimawandel, der permanente Änderungen erfordert). Dass die Corona-Quarantäne permanent sei, an diesen Gedanken möchte sich auch der begeistertste Corona-Fan nicht gewöhnen müssen. Doch müsste er sich nicht ohne zu zögern auch den Rest seines Lebens zu Hause aufhalten und meinetwegen nur noch von Haferschleim ernähren, wenn das undiskutierbare Retten von Menschenleben es seiner Meinung nach erfordern würde?

Wenn das Retten von Menschenleben nur temporär aufgegriffen wird, scheint es sich bei der moralischen Berufung auf es eher um einen Akt persönlicher Gewissensberuhigung zu handeln als um innere Überzeugung. Dient es am Ende vielleicht nur einem „Rebound-Effekt“, also als Rechtfertigung dafür, nach der Krise weiter Schindluder mit der Natur treiben zu können (mit spürbaren Folgen auch für Menschen)?

Nun, ich verallgemeinere jetzt, dass wir die Krisen unserer Zeit nicht lösen können werden, ohne auch die Sinnkrise zu lösen. Letztere wird durch die Corona-Maßnahmen eher verschlimmert als gebessert. Die mit erhobenem Zeigefinger durchgeführte Berufung auf das Retten von Menschenleben – und das „Überleben“ bei Greta Thunberg – stellt den letzten Eckpfeiler einer postmodernen Glasknochenmoral dar, die sich im Halbbewusstsein ihrer eigenen Zerbrechlichkeit dann über diejenigen Menschen echauffieren muss, welche ihr Leben noch mit Sinn füllen wollen.

Fazit

Was ist also zu tun?

Erstens ist vom Einzelnen innerlich anzunehmen, wie das Gestell vom Nihilismus durchdrungen wird. Es geht im Zuge dessen darum, die Sinnkrise der Postmoderne anzuerkennen, was ja bekanntlich der erste Schritt bei ihrer Bewältigung ist. Zu dieser Anerkennung ist es gesamtgesellschaftlich solange nicht gekommen, wie die extremen moralischen Konflikte der verschiedenen Filterblasen den Diskurs beherrschen. Sie alle entsprechen nur dem Versuch, die allgemeine Sinnkrise zu leugnen.

Zweitens folgt auf die Anerkennung die Bewältigung. Die dunkelste Stunde ist die vor dem Sonnenaufgang. Aufgegangen ist die Sonne dann, wenn wir nicht nur wissen, was wir retten wollen (zum Beispiel Menschenleben), sondern auch wofür und warum (ohne dass sich dies in Worte fassen lassen müsste). Dann sind wir nicht mehr so empfindlich, wenn andere Menschen mal nicht das gleiche wollen wie wir, was bedeutet, dass wir wieder miteinander in Dialog treten können werden. Philosophen zerbrechen sich seit Jahrtausenden den Kopf über den Ursprung des Ethischen, also den „letzten Grund“ dafür, überhaupt etwas zu tun und sind sich bis heute nicht einig. Persönlich habe ich lange genug über den Nihilismus und die Leere des Weltalls meditiert, um mich, so möchte ich behaupten, auf die Krise einlassen zu können. Mittlerweile habe ich eine – nicht nur intuitive, sondern auch philosophisch-analytische – Lösung für das Wesen und den Ursprung des Ethischen gefunden, mit der zumindest ich gut leben kann. Das ist jedoch ein Thema für einen anderen Beitrag.

Drittens muss die Wissenschaft sich über ihr eigenes Wesen klarwerden. Wissenschaft ist längst nicht mehr das Hinausgehen des von kindlicher Neugier getriebenen Forschers in die Welt, und sie wird es in dieser Form nie mehr sein. Die Wissenschaft wird jedoch oberflächlich oft von solcher Forschungsromantik legitimiert („Faszination Universum“, „Staunen über das Leben“ etc.), während sie unterschwellig vom materialistischen Nihilismus des Gestells durchdrungen bleibt. Je neutraler und souveräner uns Wissenschaft und Technik dünken, desto nihilistischer die zugrundegelegte Welt. Und in einer Welt ohne Sinn gibt es, betrachtet man die Angelegenheit mal unvoreingenommen, auch keinen Sinn mehr, diese überhaupt noch erkennen oder beherrschen zu wollen. Was die Rolle des „Experten“ betrifft, spricht nichts dagegen, wenn Menschen, die Ahnung von einem Thema haben, auch bei Entscheidungen zu diesem Thema verstärkt mitwirken. Doch ihre Mitwirkung sollte keine Vollmacht sein, welche den „Laien“ entmündigen und ihm gleichsam die Welt rauben würde. Ferner sollten sie sich bewusst bleiben, dass Entscheidungen nie allein aufgrund von Tatsachen gefällt werden können, sondern immer auch ethische Motive mitschwingen. Wie angedeutet sehe ich hier die Beteiligung von Philosophen am Weltklimarat als einen Schritt in die richtige Richtung. Philosophen sind in gewisser Weise zwar auch Experten – zum Beispiel für Ethik –, aber anders als in den exakten Wissenschaften gibt es dort keinen allgemein anerkannten Konsens, auf welchen man sich einfach berufen könnte.

Viertens hat der freie Autor Charles Eisenstein einen hervorragenden Essay über Corona geschrieben, der diesen bescheidenen Beitrag hier um Längen übertrifft und auf englisch wie auf deutsch „vorhanden“ ist.

Gute Nacht!

Quellenverzeichnis

[1] Greta Thunberg. Ich will, dass ihr in Panik geratet! Meine Reden zum Klimaschutz. Fischer, Frankfurt a. M. 2019, S. 25, vgl. auch S. 32 und S. 45
[2] Martin Heidegger. Die Technik und die Kehre. Klett-Cotta, Stuttgart 2002, S. 5
[3] Martin Heidegger: „Brief über den Humanismus“. In: Wegmarken. Klostermann, Frankfurt a. M. 1976, S. 313-364, S. 340

3 Gedanken zu “Corona zwischen Technokratie und Nihilismus

  1. Was für ein großartiker Artikel, ich bin begeistert!

    Habe allerdings eine Verständnisfrage, die wesentlich für das Ganze zu sein scheint: Im Absatz, der das Vorhandene und Zuhandene definiert, schreibst du;

    „Vorhandenes ist, was unseres Erachtens an sich besteht – die übliche Bedeutung von „Substanz“, welche im „offenen“ Materialismus als Materie gegeben ist. Zuhandenes ist hingegen, was wir im tagtäglichen Umgang als Gebrauchsgegenstände verwenden. “

    dann geht es aber weiter:

    „Der Materialist würde sofort meinen, dass die Vorhandenheit das wahre Sein der Dinge sei und die Zuhandenheit hiervon abgeleitet, dass sie in ihrer intuitiven Vertrautheit ein Konstrukt der Gesellschaft, der Psyche oder des Gehirns sei – während der Materialist das meinen würde, dreht Heidegger die Hierarchie schlicht um und meint, die Zuhandenheit sei der „frühere“ Daseinsmodus der Dinge. Für den Materialisten hat ein Hammer Masse und ist darum schwer, wenn er in der Hand liegt. Für Heidegger ist der Hammer schwer und kann nur deshalb Masse haben.“

    Der Hammer ist ganz gewiss nicht der „frühere“ Daseinsmodus, sondern das gewachsene Holz und das Eisenerz im Stein. Daraus wird ein Hammer mittels Technik erst gefertigt – wie also könnte der Hammer je etwas Vorhandenes sein?

    Zur Sinnfrage / Nihilismus: Was du über Heideggers Denken hier zusammen fasst, macht es doch einmal mehr nachvollziehbar, warum er zunächst der Nazi-Ideologie aufgesessen ist. Diese kann man ja durchaus als einen Aufstand gegen die Moderne mit all ihren „Entartungen“ verstehen, einschließlich des Versuchs, einen allgemeinen „Sinn des Daseins“ zu etablieren, der über das Individuum weit hinaus reicht.
    Dass das keine Alternative ist, hat sich drastisch erwiesen, und Heidegger hat ja auch später mal gesagt, „wer groß denkt, kann groß irren“.

    Du schreibst:

    “ Die Sinnkrise des Abendlandes ist ein Problem der sogenannten „ersten Welt“ und insofern ein first world problem. Trotzdem ist sie ein ernstes Problem. Die Klimakrise kann nicht gelöst werden, ohne auch die Sinnkrise zu lösen.“

    Wie aber sollte das je möglich sein? Darüber nachdenkend, bin ich seit eh und je zum Ergebnis gekommen, dass ein „allgemeiner Sinn“ nicht etabliert werden kann ohne extreme Freiheitsverluste, die das Individuum im Westen gewiss nicht mehr hinzunehmen bereit ist, Welcher das überhaupt sein könnte, ist eine weitere Frage. Ich persönlich könnte mir vorstellen, in einer Welt zu leben, die es sich zur kollektiven Aufgabe macht, alle aus krasser Armut zu erlösen (krasse Armut im Sinne von Grundversorgung, Wohnen, Essen, Kleidung). Aber selbst so ein minimaler Ansatz wirft 1000 Fragen auf: Reicht das? Als Almosen verteilt sicher nicht – und wenn nicht, ergeben sich Fragen der Bevölkerungspolitik, der Bevormundung in Sachen Wirtschaft und vieles mehr, womit man ganz schnell im totalitären, ja kolonialen Denken landet!

    Dein „Zweitens“ lässt offen, was deine konkrete Antwort auf die Leere ist. Ich vermute, es ist eine individuelle Antwort – und somit ist sie nicht unbedingt „skalierbar“, wie man im heutigen Gestell gerne sagt.

    Gefällt 1 Person

    • Danke für den anregenden Kommentar!

      „Der Hammer ist ganz gewiss nicht der „frühere“ Daseinsmodus, sondern das gewachsene Holz und das Eisenerz im Stein. Daraus wird ein Hammer mittels Technik erst gefertigt – wie also könnte der Hammer je etwas Vorhandenes sein?“

      Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich richtig verstehe, weil ich aufgrund deines erstes Satzes eigentlich vermuten würde, dass die abschließende Frage lauten müsste: „wie also könnte der Hammer je etwas Zuhandenes sein?“ (statt „Vorhandenes“). Oder hast du dich möglicherweise verschrieben? Unabhängig davon erläutere ich mal einfach ein wenig.

      Mit Heidegger könnte man vielleicht antworten: Es ist absolut richtig, dass der Hammer irgendwann gefertigt wurde. Dass er aus Holz und Eisen besteht, bedeutet aber nicht, dass er Holz und Eisen „ist“. In seinem Wesen als Hammer liegt vor allem eine bestimmte Aufgabe und Funktion, die einhergeht mit einer gewissen Verfügbarkeit; der Hammer „ist zur Hand“. Vielleicht ist das Wort „früher“ hier auch irritierend (und war vielleicht nicht die beste Wortwahl): gemeint ist nicht ein zeitliches Früher, sondern „früher“ im Sinnne von „grundlegender“, also in dem Sinne, wie z. B. Aristoteles auch von der „prote philosophia“ (der „ersten Philosophie“) sprach, die für unser Erkennen aber zugleich die letzte ist.

      Was ich noch ergänzen würde: Ich will hier nicht Heideggers Ontologie übernehmen, halte zum Beispiel schon seinen Fokus auf die „Hand“ als einzig relevantes Körperglied in diesem Zusammenhang für problematisch (und anthropozentrisch, wovon Heidegger eigentlich ja unbedingt wegwollte). Nichtsdestotrotz denke ich, dass der Materialismus implizit eine ähnliche ontologische Kategorisierung vollzieht wie Heidegger. Für das, was ich hier meine, wollte ich nur auf diesen „verborgenen Dualismus“ aufmerksam machen und eben auf die „Schizophrenie“, die in dem Umgang mit ihm liegt.

      Heideggers nationalsozialistische Entgleisungen behalte ich stets im Hinterkopf. Ich habe jedoch gerade die Hoffnung, durch das Verständnis von Heidegger (nicht im Sinne von „gutheißen“, sondern als „analytisches“ Verständnis) auch die verbreitete Wissenschaftsleugnung mit ihren Auswüchsen zu Verschwörungstheorien und brauner Esoterik besser verstehen zu können. Ich vermute, dass hier und in den gängigen Narrativen zum Nationalsozialismus noch etwas Unerkanntes verborgen liegt, das vielleicht „integriert“ werden muss, um aus der Situation zu gelangen – mindestens, was Deutschland angeht, aber der Nationalismus hat derzeit ja auch international Konjunktur.

      „dass ein „allgemeiner Sinn“ nicht etabliert werden kann ohne extreme Freiheitsverluste, die das Individuum im Westen gewiss nicht mehr hinzunehmen bereit ist“

      Werden momentan nicht ziemlich viele Freiheitsverluste hingenommen? Ansonsten würde ich sagen, dass ein echter Sinn sicherlich keine Etablierung im Sinne eines Handelns „von oben“ erfordern würde, und dass vielmehr alles, was auf diese Weise allgemein gesetzt werden muss, Zwang ist, nicht Sinn.
      Wie ist es mit der Freiheit, wenn wir Corona einmal beiseitelassen? Das westliche Freiheitsideal kritisiere ich für gewöhnlich gerne damit, dass derartige Freiheit oft mit einer Zerstörung der Natur erkauft wird, dass Freiheit und Verantwortung unabtrennbar miteinander verbunden bleiben müssen und dass sich am Beispiel Smartphone erwägen lässt, ob wir im Bestreben, Freiheit – zumal mittels Technik – zu erlangen, wir uns nicht andererseits auch von der Technik versklaven lassen.

      „Dein „Zweitens“ lässt offen, was deine konkrete Antwort auf die Leere ist. Ich vermute, es ist eine individuelle Antwort – und somit ist sie nicht unbedingt „skalierbar“, wie man im heutigen Gestell gerne sagt.“

      Gewissermaßen, ja. Die Antwort kann aber auch nicht „nur individuell“ sein, das entspräche wieder dem Verständnis des Menschen als (mit Heidegger formuliert) „weltloses Subjekt“. Sie muss zwischen oder jenseits von Individualität und Kollektivität („Allgemeinheit“) erfolgen. Falls man sich hier Sorgen wegen Heidegger macht – der frühe Karl Marx hat Ähnliches gesagt. Insgesamt ist der einzige Löungsvorschlag, den ich mit dem Text mache, ja die Anerkennung des Problems als ersten Schritt. Eine „Anleitung“ oder ähnliches kenne ich nicht, aber vielleicht – ganz vielleicht – kann und darf es sie ja auch gar nicht geben. Eine Krise wäre ja keine Krise, wenn man sich ihr mit einer einfachen Schritt-für-Schritt-Anleitung entziehen könnte 🙂

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