Empirie und Wissen als Frage des Gewissens

Was die „Erfahrung“, von welcher in den „empirischen“ Wissenschaften dauernd gesprochen wird, eigentlich ist, ist eine abgründige Fragestellung. Wenn wir in Alltag wie in Wissenschaft einfache empirische Aussagen treffen – wie zum Beispiel „der Apfel ist grün“ – dann meinen wir, diese Aussage sei genau dann „wahr“, wenn der Apfel „wirklich“ grün ist, wobei die hier gemeinte „Wirklichkeit“ diejenige direkter empirischer Erfahrung ist.

Das mutmaßliche Problem hierbei: Wenn wir so reden, bewegen wir uns schon mitten drin in der Sprache. Die Unterscheidung zwischen Sprache und Wirklichkeit, über welche der naive Empirismus seine „Erfahrung“ definieren will, wäre damit schon verraten. Es träfe dann zu, was der frühe Ludwig Wittgenstein meinte: Wahrheit und Wirklichkeit seien bereits synonym zueinander, und die Grenzen meiner Sprache seien die Grenzen meiner Welt. [1]

Wittgensteins Welt

Wittgenstein schätze ich sehr, vor allem als Inspirationsquelle. Nichtsdestotrotz sind es wohl vor allem zwei meiner verschiedenen Prägungen, die es mir schwer machen, ihm hier zu folgen: Zum einen von „metaphysischer“ Seite her ein zu starres Verständnis von Sprache, Welt und auch Grenzen. Es gibt viele Weisen, zu kommunizieren, es gibt Körpersprache, es gibt Gestik, Mimik, es gibt auch Tanz und Musik, es gibt Nähe und Ferne und lauter subtile Regungen. Die mündliche Äußerung, auf die sich Wittgenstein hier beschränkt, ist nur eine mögliche Art sprachlicher Kommunikation, und die Beschränkung auf sie ist, mit Jacques Derridas Worten, „phonozentrisch“. Abgesehen davon spielen für den Gehalt einer Aussage auch Tonfall, Rhythmus und Sprechmelodie des Redners eine Rolle. Ich bin kein verfluchter Roboter, der nur binäre Information verarbeitet.
Zum anderen wittere ich aus Sicht des naturwissenschaftlich gebildeten und vergleichsweise „pragmatisch“ orientierten Menschen hier eine gewisse akademische Weltfremdheit – im negativen Sinne. Wittgenstein errichtet sich kurzerhand eine Welt – seine Welt, wie er selbst sagt -, wie sie ihm gefällt. Indem er die Welt in die Sprache versetzt, klingt er, als wolle er sich die Welt gleichsam unter den Nagel reißen, sie vereinnahmen, um sich dann seinen Sprachidealismus zurecht zu zimmern. Ich weiß, dass Wittgenstein gute Gründe und Argumente für seine Aussagen hat; das ungute Bauchgefühl bleibt aber trotzdem.

Von der Theorie zur Praxis

Wir wollen davon ausgehen, dass sich zumindest für die alltägliche bis wissenschaftliche Praxis halbwegs sinnvoll von einer Erfahrungwirklichkeit sprechen lässt, die selbst nicht in der Sprache liegt. Die Sprache kann demnach auf etwas außerhalb ihrer selbst verweisen. Gestehe ich das zu, muss ich wohl aber auch zugeben, nicht mehr wirklich zu wissen, was Sprache eigentlich ist, was sie macht, wie sie funktioniert. Wenn ich aber nicht mehr weiß, was Sprache ist: Habe ich dann überhaupt noch „propositionales“, also in klaren Aussagen fassbares Wissen? Wenn ich nicht mehr propositional weiß, was Sprache ist, kann ich dann überhaupt noch wissen, was propositionales Wissen ist? Weiß ich dann nicht auch nicht mehr, was überhaupt eine Proposition, eine Aussage ist?

Diese Frage kann hier nicht in Gänze beantwortet werden. Ich würde jedoch sagen: Wenn meine Erfahrung mir einen grünen Apfel zeigt, ich diesen als solchen erkenne und schließlich äußere, dass es sich um einen grünen Apfel handelt, dann ist das vielleicht weniger eine Sache des Wissens als des Gewissens: Ich kann eben nicht guten Gewissens leugnen, dass dort ein grüner Apfel liegt, also erkenne ich es an. Für diese Gewissensentscheidung muss ich weder erklären können, was „Erfahrung“ nun genau ist, noch muss ich erklären können, was „Wissen“ ist. Ich kann die nötigen Übergänge zwischen Sprache und Wirklichkeit voraussetzen, ohne sie mit sprachlichen Mitteln nachvollziehen zu müssen. Es handelt sich um eine rein praktische Frage. Erkenntnistheorie wird so zu Ethik. Rein erkenntnistheoretisch, ohne mein Bauchgefühl zu nutzen, ende ich vielleicht in einem Strudel lähmender Ungewissheit. Es ist hier eben mein Gewissen, mein moralischer Kompass, der mir zeigt, dass mein Umgang mit Sprache, Wissen und Erfahrungswirklichkeit nicht nur nach bestem Gewissen, sondern auch nach bestem Wissen erfolgt.

Das soll keine Immunisierung oder Relativierung der Fragestellung sein. Denn natürlich kann weiter investigativ über sie nachgedacht werden. Auch dies ist aber: Ehrensache.

Quellen:

[1] Wittgenstein, Ludwig. Logisch-philosophiche Abhandlung: Tractatus logico-philosophicus. Suhrkamp, Frankfurt 2003

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