Der Körper als Maschine, der Geist als Computer

Im Naturkundemuseum Münster befindet sich derzeit eine Ausstellung zum menschlichen (und sicher auch tierischen) Gehirn. Um diese selbst soll es hier nicht gehen, nur um das zugehörige Werbebanner, auf welchem ein „aufgeklapptes“ und damit comichaft stilisierte Zahnräder entblößendes Gehirn dargestellt ist. Die Botschaft ist unmissverständlich: Das Gehirn ist eine Maschine. „Intelligenz, Bewusstsein, Gefühl“ – mit dem zugehörigen Bild wird im gleichen Atemzug gesagt: sie sind allesamt nur automatische Funktionen dieses Apparates.

Was hat der comichafte Stil dabei zu bedeuten? Soll er diese radikale Prämisse verniedlichen oder irgendwie relativieren? Vielleicht dem menschlichen Empfinden – dem Menschen, der sich doch stets als etwas Besonderes erleben möchte – angenehmer machen? Nach dem Motto: „Ist doch alles nicht so ernst gemeint“? Aber was wäre die Alternative? Diese Fragen lassen sich nicht ohne Spekulation, und erst recht nicht ohne Abschweifung vom eigentlichen Thema beantworten, weshalb es hier reicht, sie kurz aufzuwerfen, uns jedoch nicht weiter mit ihnen zu beschäftigen.

Die eigentliche Fragestellung soll lauten: Ist der menschliche (und tierische) Körper eine Maschine? Ist das Gehirn ein Computer? Stellt das materielle Hirn die Hardware dar, der subjektive Geist die Software? Inwiefern sind diese Vergleiche berechtigt?

Subjektivierung des Geistes

Im 16. und 17. Jahrhundert zeigten Kopernikus mit dem heliozentrischen Kosmos, Galilei mit seinen astronomischen Beobachtungen durchs Teleskop und schließlich Newton mit seiner Gravitationstheorie, dass es keinen Unterschied, das heißt keine Grenze zwischen Himmel und Erde gibt. So ebneten sie dem Materialismus, also der Auffassung, dass die eigentliche Wirklichkeit einzig und allein durch die Materie gegeben sei, den Weg.1 Thomas Hobbes schrieb 1651 im Leviathan über die sinnliche Wahrnehmung des Menschen: „Alle diese Qualitäten, die sinnlich genannt werden, stellen in dem Objekt, das sie verursacht, nichts anderes dar als lauter verschiedene Bewegungen der Materie, durch die es auf unsere Organe verschiedenartig drückt.“ [1] Noch in weitgehender Unkenntnis über Aufbau der Nerven (aus Zellen, die heute Neuronen genannt werden) und Funktionsweise des Nervensystems (für die bekanntermaßen die Elektrizität eine wichtige Rolle spielt) formulierte Hobbes hier eine Auffassung, welche von der Neurowissenschaft auch heute noch weitgehend vertreten wird: Jede Empfindung, jedes Gefühl, jeder Gedanke sei nur eine subjektive Erscheinung. Eigentlich seien nur die objektiven Hirnvorgänge, welche völlig ohne derartige Qualität sind, „wirklich wirklich“. Doch wie soll diese Qualität entstehen können, wenn ihr in der Wirklichkeit nichts entspricht?

René Descartes war noch der Auffassung gewesen, dass sich der Mensch in dieser Hinsicht vom Tier unterscheide: Während das Tier letztendlich als automatisch funktionierender Apparat – als Maschine – betrachtet werden könne, zeichne der Mensch sich durch eine unsterbliche Seele aus, welche mit dem jeweiligen Körper verbunden sei. Motiviert war dies fraglos durch den christlichen Glauben; er argumentierte jedoch schon damals damit, dass das Denken Eigenschaften aufweise, welche in den bloß körperlichen Dingen nicht zu finden seien, und dass es daher nicht von ihnen erzeugt werden könne.

Heute wird diese Problematik zumeist gar nicht mehr gesehen, jedenfalls nicht innerhalb der empirischen Wissenschaft. Mit dem Siegeszug der Naturwissenschaft wurden die von René Descartes und anderen gestellten Fragen einfach links liegen gelassen. Bei allem, was man nicht weiß, herrscht die von Erfolgsverwöhnung erzeugte Erwartung vor, man wisse es bloß noch nicht, aber das werde sich schon irgendwann ändern. Dazu kommt, dass solch philosophische Fragestellungen kaum unmittelbar praktischen Nutzen zu haben scheinen – wenngleich sie sich aber sehr auf die Arbeitsweise des jeweiligen Wissenschaftlers auswirken können.

Mit der Evolutionstheorie wurde der Mensch zum Tier reduziert, und da Tiere, naturwissenschaftlich betrachtet, weiterhin als Maschinen gelten, wird der Mensch ebenfalls als Maschine gesehen. Die Selbstverständlichkeit, mit welcher das Naturkundemuseum dies auf seinem Plakat präsentiert, zeugt davon, wie tief diese Auffassung mittlerweile sitzt.

Kann das Gehirn sich selbst erfinden?

Das Leib-Seele-Problem ist ein kompliziertes Thema, welches hiermit angesprochen, aber nicht weiter aufgerollt werden soll. Ich hoffe, die Frage nach dem Körper als Maschine und dem Gehirn als Computer weitgehend unabhängig von diesem behandeln zu können.

Ist es nicht auffällig, dass die Idee, das Gehirn sei ein biologischer Computer, gerade zu dem Zeitpunkt auftauchte, als der Computer erfunden wurde? Computer sind schließlich erst wenige Jahrzehnte alt.

Natürlich liegt das daran, dass, bevor es den Computer gab, noch niemand zur Idee des Computers in der heutigen Form – digital, programmierbar, zunehmend lernfähig – gelangen konnte. Das Gehirn existierte seit Anbeginn der menschlichen Geschichte, ja, schon zu Zeiten der Dinosaurier. Der Computer hingegen wurde erst kürzlich erfunden. Bereits aus diesem Grund wird es fraglich, ob die Gleichsetzung des Gehirns mit einem Computer sich nicht von selbst verbiete.

So entsteht doch der Eindruck, es sei womöglich die durch die Erfindung des Computers ausgelöste Begeisterung und Faszination, welche nun dafür sorgt, das Gehirn vorschnell als solchen zu bezeichnen. Das gezeigte Plakat stellt eine Projektion im besten sowohl künstlerischen als auch psychologischen Wortsinn dar. Was letzteren betrifft, handelt es sich um eine Verknüpfung einer Empfindung mit einer Vorstellung, welche nicht den wirklichen Verhältnissen entspricht. Zahnräder, Maschinenbauteile, werden dort gesehen, wo es in Wirklichkeit keine gibt.

Drücken wir zwei Augen zu und lassen das Leib-Seele-Problem weiterhin außer Acht, lässt sich sicherlich sagen, dass es zwischen dem menschlichen Geist und der Software eines Computers sowie zwischen dem Gehirn und der entsprechenden Hardware deutliche Ähnlichkeiten gibt. Doch wie groß diese auch sein mögen: Das Gehirn war vor dem Computer da, und der Computer ist eine Erfindung des Menschen.

Doch jeder Erfindung, die nicht völlig zufällig geschieht, liegt eine Idee zugrunde. Wie gelangte der Mensch zur Erfindung des Computers?

Die Maschine als Abbild

Zunächst einmal: Wie gelangte er zur Erfindung von Maschinen? Es ist wohl nicht zu viel verlangt, anzunehmen, dass dies mit der Beobachtung gewisser Gesetzmäßigkeiten in der Außenwelt oder an seinem eigenen Körper zusammenhängt, sicher auch mit der Beobachtung der Wechselwirkungen zwischen beiden. Waren Wahrnehmung und Denken zunächst noch eher auf seinen eigenen Körper beschränkt – wie dies, so möchte ich mutmaßen, heute oft bei Tieren beobachtbar ist – erkannte er mit der Zeit und mit zunehmender Abstraktionsleistung, dass es eine von seinem Körper unabhängige Welt gibt, welche nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert. Von dort aus war es nur noch ein kleiner Schritt zur Erfindung von Maschinen, welche Dinge selbstständig leisteten, die er zuvor selbst mit seinem Körper leisten musste. Treffen diese Annahmen zu, so lässt sich wohl sagen, dass die Maschine ein Abbild des Körpers ist. Sie ist eine auf eine bestimmte Funktion reduzierte Kopie des Körpers, wobei der Körper sowohl der menschliche als auch ein beliebiger innerhalb der gesamten Körperwelt sein kann.

Was war nun notwendig, um den Computer erfinden zu können? Der Computer scheint in seinem primären Zweck – also in seiner Software – ein Abbild des menschlichen Geistes zu sein, welcher auf die Funktion des logischen Denkens und Rechnens sowie der Erinnerung reduziert wurde. Um diese technisch verwirklichen zu können, war zunächst wohl der Glaube nötig, dass sich diese Funktionen überhaupt technisch verwirklichen lassen, also der Glaube an die Machbarkeit des Unterfangens. Dieser Glaube setzt wiederum voraus, dass der Geist – zumindest in weiten oder relevanten Teilen – eine subjektive Erscheinung des materiellen Gehirns sei, da Technik nunmal auf die Materie angewiesen ist: Sollten geistige Funktionen sich nicht auf Materie zurückführen lassen, ließe sich auch keine entsprechende Technologie entwickeln.

Wird der Geist einmal als Gehirn betrachtet, ist es zum Bau eines Computers ferner hilfreich, die Funktionsweise des Gehirns zu kennen. Dass Nerven aus Zellen aufgebaut sind, welche dann Neuronen genannt wurden, stellte man Ende des 19. Jahrhunderts fest. Die Synapse wurde nur wenig später entdeckt. Vielleicht muss hier aber auch kein direkter Zusammenhang bestehen; der Mensch könnte auch so imstande gewesen sein, seine Geistestätigkeit hinreichend zu abstrahieren, um sie schließlich durch digitale Schaltungen aus logischen Gattern umzusetzen. Überhaupt sollten die historischen Mutmaßungen in diesem Text mit Vorsicht genossen werden; sie sind in erster Linie freie Erwägungen, welche die Grundthese eher verdeutlichen als untermauern sollen.

Diese fassen wir noch einmal wie folgt zusammen: Die Maschine ist ein Abbild des Körpers, der Computer ist ein Abbild des Geistes. In Genesis 1, 27 heißt es: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde“, aber nur, weil der Mensch ein Abbild Gottes ist, ist Gott noch lange kein Mensch (jedenfalls nicht im Alten Testament). Nur, weil Maschine und Computer Abbilder von Körper, Geist und Gehirn sind, ist der Körper noch lange keine Maschine, und Gehirn und Geist sind nicht identisch mit Hardware und Software eines Computers. Das Selbstporträt eines Malers ist nicht der Maler selbst; es ist bloß sein von ihm selbst, durch ihn selbst geschaffenes Abbild. Im Hinblick auf unsere Fragestellung bietet sich gerade dieser Vergleich an, um nochmal auf das Leib-Seele-Problem hinzuweisen: denn das Porträt hat kein Bewusstsein, das Original hingegen schon.

Das mechanistische Weltbild sitzt so tief, dass selbst Denker, die eigentlich scharfsinnig genug sein müssten, seine Widersprüche zu erkennen, ihm unterliegen. Ein Beispiel ist der im März verstorbene Stephen Hawking: „Ich sehe das Gehirn als einen Computer an, der aufhört zu arbeiten, wenn seine Einzelteile nicht mehr funktionieren […] Es gibt kein Leben nach dem Tod für kaputte Computer; das ist ein Märchen für Leute, die Angst im Dunkeln haben.“ [2] Sicher hat Hawkings Rede von der „Angst im Dunkeln“ eine gewisse Berechtigung; umgekehrt schüttet er jedoch das Kind mit dem Bade aus; bei einem halbwegs intelligenten Menschen wie ihm kann die Leugnung des Leib-Seele-Problems nur als heimlicher emotionaler Widerstand gegen die Erkenntnis offenkundiger Widersprüche im mechanistischen Weltbild gedeutet werden. Und einem solchen Widerstand liegt vermutlich ebenfalls eine Angst zugrunde: Angst davor, dass wir doch noch unbekannten Mächten unterworfen sein könnten, welche sich prinzipiell nicht „wissen“ oder „erklären“ lassen, jedenfalls nicht in der Art und Weise, wie es die erfolgsverwöhnte Wissenschaft heute tut.

Gleichzeitig liegt dem mechanistischen Weltbild eine Kälte, Abweisung und Roheit zugrunde, welche sich doch jedem offenbaren muss, der sich auf es mal ein wenig einlässt, seine Konsequenzen für unsere Existenz überdenkt, ohne sich dabei von den Verniedlichungen und „Vermenschlichungen“ ablenken zu lassen, wie sie durch Mittel comichafter Zeichnungen, des so gerne bemühten Humors oder biografischer Anekdoten unternommen werden. Die populärwissenschaftliche Literatur ist voll davon.

Immerhin wird heute in der Informatik von „neuronalen Netzen“ gesprochen, wo die neuronalen Netze des Nervensystems digital nachgebildet werden. An diese wird die Hoffnung gekoppelt, einem Computer menschenähnliches Lernvermögen zu ermöglichen, wie es beispielsweise bei autonom fahrenden Autos Anwendung findet, und so einen großen Schritt in Richtung künstlicher Intelligenz zu machen. In diesen Fällen wird die Technik eindeutig als Abbild des Lebendigen erkannt und nicht mit ihm gleichgesetzt oder sogar in umgekehrter Hierarchie betrachtet. Bleibt zu hoffen, dass die Menschheit bald klar erkennt, was sie mit ihren eigenen Erfindungen, Maschine und Computer, verbindet, und was sie von ihnen unüberbrückbar unterscheidet.

1 In Bezug auf Newton muss angemerkt werden, dass das nie seine Absicht war, faktisch jedoch wohl so geschehen ist.

Quellen

[1] Hobbes, Thomas; Fletscher, Iring (Hrsg.). Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates, Suhrkamp, 9. Aufl., Frankfurt a. M. 1999 S. 11

[2] http://www.fr.de/panorama/leute/ende-eines-gehirn-computers-stephen-hawking-ist-tot-a-1467054 [Zugriff am 24.08.2018]

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