Bewusstsein und Gewusstwerden

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. (1. Kor 13, 12)

Das Unbewusste als komplementäres Gegenstück zum Bewusstsein hat schon lange einen festen Platz in unserer Kultur gefunden. Der Begriff „Unterbewusstsein“ kursiert synonym hierfür ebenso, widerspricht sich jedoch selbst, denn wenn sich das Unterbewusstsein gerade dadurch auszeichnen soll, dass mir seine Inhalte nicht bewusst sind, dann sollte es wohl nicht als ein zweites Bewusstsein unterhalb des eigentlichen Bewusstseins gedacht werden, sondern eben als Nicht-Bewusstsein, als Unbewusstsein oder eben Unbewusstes.

Unbewusst kann uns der Ort sein, an welchem wir den Schlüssel abgelegt haben (wenn wir aufgehört haben, darüber nachzudenken, fällt er uns auf magische Weise dann plötzlich ein), das Leid der Tiere, welches ich beim Einkauf verdränge, um mich nicht mit meinem Gewissen herumplagen zu müssen sowie die Einsicht, dass mein schlechter Geschmack bei Frauen auf ein gestörtes Verhältnis zu meiner Mutter zurückzuführen sei.

Diese Dinge hätte C.G. Jung dem persönlichen Unbewussten zugeordnet, welches er vom kollektiven Unbewussten unterschied. Letzteres sei nicht etwa misszuverstehen als Menge verdrängter Bewusstseinsinhalte, die nicht nur den Einzelnen, sondern die gesamte Gesellschaft betreffen – wie zum Beispiel der Eroberungswahn der Europäer während der Kolonialzeit – sondern angeboren. Wir werden, so Jung, bereits mit einem Unbewussten geboren, dessen Inhalte sich nicht auf Verdrängung einst Erlebtens zurückführen lassen. Jung nahm an, dass das kollektive Unbewusste vererbt werde.¹

Philosophisch lässt sich über die subjektiv-psychologische Seite des Unbewussten hinausgehen: Unbewusst ist mir beispielsweise auch der Anblick meines Hinterkopfes. Ich sehe ihn nicht, also befindet er sich nicht in meinem Bewusstsein. Um ihn zu sehen, benötige ich ein Foto oder mindestens zwei Spiegel. Oder wenn ich einen Ohrwurm im Kopf habe, dann ist mir der Klang des Songs selbst unbewusst. Ich höre ihn nicht wirklich, sondern nur in meiner inneren Vorstellung. Die Vorstellung des Klangs, die Erinnerung an ihn ist es, welche mir bewusst ist. Der Klang selbst ist mir jedoch unbewusst, weil ich ihn nicht wirklich höre.

Der Menschheit als Ganzes sind all die zahllosen Außerirdischen unbewusst, welche potenziell in unserer Galaxis leben, denn wir haben keinen Kontakt mit ihnen. Ebenso unbewusst ist uns – nur, falls sie theoretisch möglich wäre – eine große vereinheitlichende Theorie der Physik, denn wir kennen sie nicht. Jedem Menschen ist zudem das unmittelbare Erleben anderer Menschen unbewusst. Man mag Empathie verspüren und damit richtig liegen. Trotzdem sehe ich die Welt stets durch meine eigenen Augen, habe keine Fernbedienung, mit der ich kurz zu der Welt-Sicht meines Nachbarns zappen könnte.

Alles, woran ich mich potenziell erinnern kann, ohne es in diesem Moment zu tun, ist mir unbewusst. Das bedeutet nicht, dass ich mich jemals daran erinnern werde; vielleicht stirbt das Geheimnis mit mir. Wir schränken Erinnerung heute automatisch auf in unserer Inkarnation, mit unseren Sinnen erlebte Gegebenheiten ein, aber auch diese Vorstellung lässt sich erweitern: Für Platon war sämtliche Erkenntnis letztendlich Erinnerung, welche er als „Anamnesis“ bezeichnete („An-Amnesis“, wie „Nicht-Amnäsie“, also Nicht-Vergessen). Er mutmaßte, dass jede konkrete Erscheinung letztendlich ein Kondensat überzeitlicher Urbilder sei – „Ideen“ oder „Archetypen“, der Begriff, den auch Jung übernahm -, was unser Wissen natürlich einschließt. Im Moment der Erkenntnis gelangt die absolute Idee in unser endliches Bewusstsein.

Diese These ist nicht mehr vernünftig denkbar ohne ein höheres Bewusstsein, ein Überbewusstsein, Gott vorauszusetzen. Im Gegensatz zum Unterbewusstsein ist es dabei legitim, von einem zweiten Bewusstsein zu sprechen, da wir die Domäne des Subjektiven verlassen und uns Gott nur bedingt als Teil unserer selbst denken. Anderen Menschen gestehen wir ja auch ein Bewusstsein zu, welches nicht unseres ist; mit Gott ist es in dieser Hinsicht ähnlich, wenngleich die Kommunikation nicht in der vorhandenen Raumzeit stattfindet, sondern eben in Seele und Geist.

Wir setzen die platonische Anamnesis und damit Gott an dieser Stelle unkritisch voraus. Was weiß Gott über uns?

Er kennt unser Unbewusstes. Es ist gerade das, was wir als uns selbst unzugehörig empfinden, als außen, als Anderes. In Wahrheit ist es unser Innerstes, unser Selbst. Es ist der Schlüssel zu den Widersprüchen, die wir so tief in uns tragen. Mit seiner archetypischen Dimension übersteigt es unser Bewusstsein. Unser Bewusstsein enthält nur Erscheinungen, Abbilder der Urbilder. Es ist die Leinwand, auf der sich das Drama unseres Lebens und der Welt abspielt. Das Unbewusste hingegen ist diejenige Wirklichkeit, welche gefilmt wurde und das Drama somit erst ermöglicht. Man denke an Platons Höhlengleichnis. Zeit dabei als Abbild der Ewigkeit. Das Unbewusste ist die eigentliche Wirklichkeit.

Gott kennt uns. Wenn es heißt „Fürchtet euch nicht“ (Luk 2, 10), dann ist das darauf zurückzuführen, dass wir aufgehoben sind in Gott. Wir sind gewusst von Gott, und insofern entspricht unser Sein in Gott einem „Gewusstwerden“, der passiven Form des Bewusstseins, welche dieses komplementär ergänzt. Zur Bescheidenheit aufruft. Auf die archetypischen Mächte verweist, welche wir nicht kontrollieren können. Auch, und vor allem, jene in uns selbst.

Mit der Anamnesis ergibt mein Lieblingsvers aus der Bibel Sinn, welchen ich an den Anfang des Textes setzte und hier nochmal anführe, aus dem Hohelied der Liebe (1. Kor 13):

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

„Dann“ – das ist, wenn die Erinnerung vollzogen, wenn das Puzzle gelöst, wenn die Seele erlöst ist. Das Spiegelbild ist unser wahres Selbst, welches wir in der Endlichkeit unseres Fleisches nur dunkel erahnen, nicht aber wahrhaft erkennen können. Wichtig die letzten Worte: „wie ich erkannt bin“. Ich erkenne mich nicht, aber ich brauche mich nicht fürchten, denn schon längst bin ich erkannt, ich werde gewusst. Paulus wagt es nicht, hier von einem Gott, Herrn oder Christus zu sprechen, sondern lässt das Gewusstwerden anonym stehen. Hiermit betritt er fast buddhistisches Revier. Zum Schluss muss sich der Mensch auch mit Gott einen.

Unerhört auch jener Vers, der im Hohelied noch vor obigen Zeilen steht:

Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.

Was drücken diese Worte aus, wenn nicht die tiefenpsychologische Dynamik von Bewusstsein und persönlichem Unbewussten, von Verdrängung und Erinnerung? Das Kind wird für klüger erachtet als der erwachsene Mann! Das ist quasi eine Attacke auf das Patriarchat, welches ja nicht nur männlich vor weiblich, sondern auch „Alter vor Schönheit“ einordnet!

Nach dem Schreiben dieses Textes verstehe ich besser, was Amit Goswami englischsprachig in seinem Buch The self-aware universe: How consciousness creates the material world² meinte. Er unterschied dort die Begriffe consciousness und awareness, im Deutschen beides nur „Bewusstsein“. Awareness sei das Bewusste im Gegensatz zum Unbewussten (S. 98), consciousness definierte er als Grund allen Seins (S. 2). Diese Definition konnte ich zuvor nicht recht nachvollziehen in dem Sinn, dass ich (abgesehen vom suggestiven Klang der Worte) einfach nicht den Unterschied zwischen den beiden Begriffen verstand; aber wenn awareness das Bewusstsein ist und consciousness das Gewusstwerden, wie die Begriffe hier besprochen wurden – dann ergibt alles Sinn.

Meine ersten Gedanken über Bewusstsein und Gewusstwerden befinden sich in einem Notizheft, welches mir momentan nicht vorliegt. Dass ich diesen Text auch ohne Rückbezug darauf schreibe, ist vor allem der aufstrebenden Band Käptn Peng & die Tentakel von Delphi zu verdanken, bei welcher es im Song Spiegelkabinett heißt:

Ich kenn‘ die Wahrheit nicht, aber die Wahrheit kennt mich.

Fast eine 1:1-Übertragung aus dem Hohelied der Liebe, Vers 12. Verschieden nur insofern, als Peng den Zustand der Gegenwart schildert, während Paulus noch auf die Zukunft verweist – doch in der Ewigkeit meinen sie beide das selbe.

Quellen:

¹JUNG, C.G. Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten. dtv Verlagsgesellschaft München, 2. Aufl. 2015. S. 22 ff.

²GOSWAMI, Amit. The self-aware universe: How consciousness creates the material world. TarcherPerigee, Reprint 1995 (E-Book)

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