Erinnerung: Gedanken über Urknall und Urkluft

Einst war das Alter, da Ymir lebte:
Da war nicht Sand nicht See, nicht salz’ge Wellen,
Nicht Erde fand sich noch Überhimmel,
Gähnender Abgrund und Gras nirgend.¹

Der „gähnende Abgrund“ des Weltentstehungsmythos aus der germanischen Edda ist besser bekannt unter dem Namen „Ginnungagap“. Übersetzen lässt er sich auch als „Kluft“, und hierin entspricht er eins zu eins dem „Chaos“ aus der griechischen Mythologie, aus welchem dort die Welt hervorging.

Ich fand es immer faszinierend, dass unsere Vorfahren bereits die Idee eines Nichts, eines Abgrunds, einer Kluft als Ursprung der Welt hatten. Diese Kluft ist nicht der Weltraum, welcher ja oft nicht als Nichts, sondern in Form von konzentrischen Sphären vorgestellt wurde – denn im obigen Zitat heißt es explizit: „Nicht Erde fand sich noch Überhimmel“. Diese Urkluft reicht tiefer als der Himmel.

Der Himmel, den unsere Vorfahren noch nicht mit Teleskopen oder Raumschiffen, sondern nur bloßen Auges vom festen Erdboden aus erblicken konnten, war wohl nicht Inspiration für jene „Urkluft“. Doch eine Inspiration aus der wirklichen Welt muss es ja gegeben haben. Die Idee wäre sonst zu abstrakt, um einer mythologischen Denkweise entstammen zu können. Woher kann sie bloß gekommen sein?

Naheliegend erscheint zunächst die Annahme, dass es sich bei dieser Vorstellung um eine tiefenpsychologische Erinnerung an die eigene Geburt handle. Erst die Gebärmutter, dann das Schlüpfen durch den Geburtskanal. Schließlich die Vagina als Rand des Abgrunds. Mit der eigenen Geburt werden erstmals die Welt und ihr grelles Licht erblickt. Gut möglich, dass dieser Akt mit der Geburt der Welt gleichgesetzt wird.

Doch ein detaillierterer Blick entlarvt entscheidende Mängel dieser Hypothese. Die Gebärmutter steht zwar für ein primordiales und auch tiefes, dunkles Sein, aber ein Sein, das in aller Regel doch ebenso als wohlig-warm vorgestellt wird, als geschützt, unschuldig, behütet, nach dessen Rückkehr man sich in Momenten des Weltschmerzes beinahe sehnen mag. Sie ähnelt eher der heimatlichen Höhle der Steinzeitmenschen. Wer käme schon auf die Idee, die Gebärmutter als „Chaos“ zu bezeichnen, als Kluft, als leeren Raum? Im Alten Testament heißt es gleich zu Beginn (Gen 1, 1-2):

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe…

Die Gebärmutter ist doch nicht „wüst und leer“! Woher also diese Idee, die einerseits keiner sinnlichen Beobachtung entstammen zu können scheint, die andererseits aber zu abstrakt ist, um in dieser kulturellen Epoche schon als naturphilosophische These aufzutauchen?

Bevor wir uns dieser Frage weiter widmen: Wie stellen wir uns die Weltentstehung heute vor? Denken wir an den Urknall, finden sich schließlich erstaunliche Parallelen! Ja, der wilde, primordiale Urknall scheint sich viel besser mit jener Urkluft assoziieren zu lassen als das versunkene Heiligtum der Gebärmutter. Der wüste und leere Weltraum passt doch wohl am ehesten zur Vorstellung einer Weltkluft. Da ist zu Beginn eine ungeheure Energie, und sie breitet sich aus, bis sie sich in die sichtbare Welt verwandelt hat. Da kollabieren interstellare Nebel, Sternenstaub, und formen sich zu jenen Schmieden, in welchen die Elemente geformt werden. Da explodiert alles und wird in die Tiefen des Alls geschleudert. Und plötzlich sind wir da. Und wundern uns.

Die Urknalltheorie ist eine aktuelle These, welche in ein paar hundert Jahren obsolet sein mag. So selbstverständlich, wie heutzutage von ihr berichtet wird, dürfte es irgendwo einen massiven Haken geben, irgendwo dürfte hier eine große Augenwischerei geschehen. Dennoch wollen wir einmal voraussetzen, dass sich unser Sonnensystem einst aus jenem Sternenstaub geformt hat.

Doch das wussten unsere Vorfahren doch noch nicht! Als die Pythagoreer vermuteten, dass die Erde ein Planet sei, ein Wandelstern wie die anderen am Himmel, war das ein kühner Schritt – denn jene Wandelsterne waren nur Lichtpunkte am Firmament, denen kaum der feste Boden oder gar die riesige Größe der Erde zugewiesen werden konnten. Die Vermutung, dass wir aus Sternenstaub entstanden seien, wäre eine noch kühnere Behauptung gewesen.

Und jetzt wird es radikal, jetzt klingt es esoterisch, jetzt betreten wir kritisches Gelände: Aber wäre es vielleicht denkbar, dass die Materie, aus welcher wir bestehen, die Erinnerung an ihr primordiales Sein als durch die Urkluft schwebender Sternenstaub irgendwie eingespeichert hat? Dass sie es ist, die sich in uns an ihre eigene Vergangenheit erinnert? Dass es sich bei der Vorstellung der Urkluft also nicht um Fantasie, sondern um eine echte Erinnerung handelt? Treiben wir auch als gestandene Menschen nicht immer noch durch Raum und Zeit wie jener Sternenstaub?

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Enthält die Materie nur das Potenzial für Bewusstsein oder geht ihre Veranlagung darüber hinaus, ist sie sich ihrer selbst bereits bewusst?

Diese Fragen setzen freilich voraus, dass Erinnerung beziehungsweise Bewusstsein als Ganzes mehr als ein Gehirnvorgang sei. Dessen bin ich aber ohnehin überzeugt und meine, hierfür entscheidende Argumente vorbringen zu können, was an dieser Stelle jedoch den Rahmen sprengen würde. Eine Möglichkeit wäre, dass auch für tot gehaltene Materie an sich schon ein Bewusstsein besitzt und damit wohl als lebendig gelten muss.

Also, ich formuliere meine Hypothese: Die Idee der Urkluft entstammt einer echten Erinnerung der Materie an ihr primordiales Sein als Sternenstaub, einsam treibend durch die Weiten des Weltalls. Die metaphysische Urkluft ist letztendlich doch der physische Weltraum, aber die Vorstellung wird nicht durch sinnliche Beobachtung erlangt, sondern durch halbbewusste, gleichsam schamanische Erinnerung – platonische Anamnesis.

Es handelt sich nicht um eine These, sondern um eine Hypothese. Es ist eine bloße Vermutung, Belege bleibe ich schuldig. Das Ganze ist nicht ausgereift – selbstironisch könnte ich anmerken, dass es deswegen in diesem Blog landet. Denn ausgesprochen werden soll es allemal.

Vielleicht gibt es für dieses Rätsel doch noch eine „ganz natürliche Erklärung“. Wenn in den alten Mythen ein Funken Wahrheit stecken soll, der über moralische Gefälligkeiten hinausgeht, dann wäre dieser jedoch hier zu suchen. Und ohnehin gibt es andere Dinge, für die garantiert keine natürliche Erklärung möglich ist (was soll eine „natürliche Erklärung“ überhaupt sein?), allen voran das Bewusstsein und das Sein selbst. Aber, wie Michael Ende einst schrieb: „Das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.“²

¹STANGE, Manfred (Hrsg.). Die Edda. Weltbild Verlag Augsburg, 1995. S.13
²Aus Die unendliche Geschichte, aus dem Kopf zitiert

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